St. Ansgarii Gemeinde
Geschichtliches
Geschichtliche Prozesse entstehen immer aus einem Zusammenspiel unterschiedlicher Kräfte und Zufälle heraus. Die Reformation in Deutschland ist nicht allein frommem Eifer zu verdanken. Handfeste politische Interessen wie die des sächs. Kurfürsten Friedrich des Weisen, die Eingebundenheit des Kaisers Karl V. in einen Krieg mit Frankreich, das Unabhängigkeitsstreben der Städte und natürlich das wachsende Selbstbewusstsein ihrer Bürger förderten sie ebenso, wie auch die Leitgedanken des Humanismus, die den Menschen in seinem Selbstbewusstsein in den Mittelpunkt stellten.
Kaufleute erlangen Macht und werden die Finanziers von Päpsten und Kaisern, Künstler sind nicht mehr inhaltlich und finanziell gebunden: Albrecht Dürer ist ein Vertreter dieser neuen Unabhängigkeit, der seinen Selbstportraits ungestraft Christuszüge geben darf und umgekehrt. Die Künstlerische und intellektuelle Elite Europas korrespondiert miteinander, der Buchdruck erleichtert ihnen die Kommunikation, Flugblätter lassen sich rasch drucken und verteilen.
Es ist allgemein eine Aufbruchszeit, in die Luther mit seinem reformatorischen Anliegen stößt, und er findet Aufmerksamkeit bei den sicherlich vielen –wenn meist auch heimlichen- Kritikern der Kirche, vor allem ihrer Missstände. Seine emanzipatorischen Ideen – der Christ braucht keine Mittler vor Gott, weder Priester, noch gute Werke, noch Seelenmessen, noch Ablass, noch Heilige – kommen dem Zeitgeist entgegen. Spätestens hier – und daran hat Luther großen Anteil, ob er es wollte oder nicht – beginnt die Aufklärung in Deutschland. Das Individuum zwischen Autonomie und Verantwortung – bei Luther wird das theologisch gedacht.
Die Kirche reagiert scharf, schon lange werden die Ketzer verfolgt, überall brennen Scheiterhaufen. Doch im 16. Jhdt. Kommt ein neues Instrument in die Hand der Kirche, das die Angst vor der neuen Bewegung deutlich macht: Die Inquisition. Geheimdienstlich organisiert, spürt sie systematisch die Abweichler auf und bringt sie in die Verhöre. Wer in ihren Händen landet, entkommt nicht mehr. Die Inquisition treibt Heinrich von Zutphen in die Flucht, auf dem Weg nach Wittenberg bleibt er in Bremen hängen, und schließlich wird sie ihm auch zum Verhängnis.
Wie müssen wir uns dieses Bremen um 1520 vorstellen, in das Heinrich von Zutphen hineinstolpert?
Nun, ein wenig wie heute, nämlich ein bisschen abgelegen. Ein bisschen zu weit im Westen, ein bisschen zu weit im Norden. Das hinderte niemanden an Handel und Wandel, Bremen war eine angesehene Handelsstadt. Aber von den Zeitläufen war sie ein wenig unberührt. Sie hatte keine Universität, das Gymnasium illustre war erst in Folge der Reformation gegründet worden, es gab keinen Kreis von Humanisten, der aufklärerische Interessen gehabt und vertreten hätten, es gab keine Niederlassung des Augustiner-Eremitenordens, der einer Erneuerung des religiösen Lebens besonders nahe stand. Die Süddeutschen Städte waren schon von ihrer Lage bevorzugt, denn die Wiege des Humanismus steht ja in Italien, ist ein Kind der Renaissance.
Ob man von Luthers Schriften etwas erfahren hatte in Bremen, ist nicht festzustellen. Die Quellenlage gibt keinen Hinweis darauf. Das religiöse Leben in Bremen – etwa 15 000 Einwohner - entspricht dem in anderen großen Städten Deutschlands. Es gibt die 5 Hauptkirchen: Der Dom St. Petri ist zugleich Sitz des Erzbischofs, der formal auch der Landesherr der Stadt ist, und dann die Pfarrkirchen ULF, St.Ansgarii, St.Martini und St. Stephani. Alle diese Kirchen mitsamt den kleineren Kirchen und Kapellen werden errichtet und unterhalten durch Spenden, Stiftungen und Vermächtnisse. An der Verwaltung des kirchlichen Eigentums sind die Bürger beteiligt, vor allem Mitglieder des Rates und die Elterleute der Kaufmannschaft. Baumeister = Bauherren, haben einen erheblichen Einfluss. Ein solcher, nämlich Heinrich Esich von St. Ansgarii, öffnet der Reformation in Bremen die Tür.
Auch die Klöster sind auf Spenden angewiesen, eines der drei, das vor der Stadt liegende St. Pauli-Kloster der Benediktiner, wird in der kommenden Auseinandersetzung noch eine entscheidende Rolle spielen. Dazu gibt es noch Spitäler, Stiftungen für Arme und Notleidende, 29 Bruderschaften, also geistliche Gemeinschaften. Alle diese Einrichtungen sind gut ausgestattet, denn wer es sich irgend leisten kann, sucht sich durch Nächstenliebe, durch Spenden und Vermächtnisse Verdienste um das Heil seiner Seele zu sammeln.
Vor allem St. Ansgarii wurde auf diese Weise bald eine vermögende Gemeinde. Zu Beginn des 15. Jhdts. hatten die Chorherren des Ansgarii-Kapitels beträchtliche Reichtümer angesammelt. Ihre große Beliebtheit zeigte sich auch in der Anzahl der Altäre: Bis zur Reformation waren es etwa 25-28, fast alle Stiftungen. Jeder Altar war mit einer Pfründe ausgestattet, denn an ihm musste – meist der niedere Klerus- Dienst tun. Täglich wurden unzählige Messen gelesen, die alle bezahlt wurden. Wer irgendwie konnte, ließ sich auch nach dem Tod Seelenmessen lesen, Fürbitte um Aufnahme seiner Seele in die Barmherzigkeit Gottes. Das war für die Kirchen eine wichtige Einnahmequelle, und möglicherweise auch ein Grund für die Aufteilung des Pfarrsprengels von ULF, aus dem dann die St. Ansgarii-Pfarre hervorgegangen ist. Das St. Ansgarii-Kapitel bestand ja schon lange, es geht auf eine Stiftung des Hlg. Ansgar für 12 arme geistliche Männer zurück. Es ist nicht auszuschließen, dass der Prior dieses Kapitels auch wegen der Einnahmen, die eine Gemeinde bringt, die Zuweisung eines Sprengels betrieb.
Die große Anzahl von Altären führte auch zum mehrmaligem Umbau der Kirche: Die Ursprüngliche Basilika wurde zu einer Hallenkriche mit Seitenschiffen und Kapellen umgebaut, denn die Altäre hätten sonst nicht aufgestellt werden können.
Das wirtschaftliche Interesse des Ansgarii-Kapitels war dann auch ein wesentlicher Grund für den Widerstand gegen das Auftreten der Prediger Heinrich von Zutphen und seiner Brüder.
Einer solchen Kommerzialisierung des religiösen Lebens mussten die reformatorischen Prediger auch mit ihrer theologischen Begründung entgegentreten.
Aber vorher schon regte sich in der Stadt Unwillen gegen den Klerus. Seine Angehörigen einschließlich der Ordensgemeinschaften waren von Steuern und abgaben befreit, ebenso von öffentlichen Verpflichtungen wie Wachdienst auf der mauer. 1503 trug ein Kardinal 6740 Rheinische Gulden gesammelter Ablassgelder aus der Stadt, um sie nach Rom zu bringen, was den Bürgermeister Daniel von Büren zu der Klage veranlasste, Deutschland sei zu Zeiten römischer Kaiser nicht so arg geschoren worden.
Zur Unzufriedenheit der Bürgerschaft trugen auch die dauernden Spannungen zwischen dem Erzbischof als Landesherrn und dem Rat der Stadt bei. Bremen hatte mit Hartnäckigkeit und Verhandlungsgeschick seine Rechte und Unabhängigkeit vom Erzbischof beträchtlich erweitern können. Seit 1515 hatte Herzog Christoph von Braunschweig dieses Amt übernommen, ein schwieriger Verhandlungspartner, der im Hintergrund über seine Familie mächtige Verbündete hatte, was die Stadt noch zu spüren bekommen sollte.
1522 kommt der Augustinermönch HvZ, ehemaliger Prior des Dordrechter Klosters, nach Bremen auf der Flucht vor der Inquisition in seiner Heimat. Er ist auf dem Weg nach Wittenberg, wo er sich schon 2 mal zum theologischen Studium aufgehalten und mit Luther angefreundet hatte. Dort war er auch in die entscheidende Zeit des reformatorischen Umbruchs geraten.
Die Verbindung zu Wittenberg entstand deshalb, weil 4 niederländische Klöster zur sächsischen Kongregation gehörten und dem Generalvikar in Erfurt unterstanden. Deshalb wurden niederländische Mönche zum Studium nach Wittenberg gesandt. Heinrich von Z. hatte dort mehrere theologische Abschlüsse gemacht. Aus jener Zeit sind noch Thesen erhalten, die er zu einer Disputation abfasste, und die die Nähe zu Luthers Theologie deutlich zeigen.
In Wittenberg studierten zu jener Zeit aber auch rund 20 Bremer, zu denen Heinrich Esig gehörte, jener erwähnte Bauherrr an St. Ansgarii. Dieser nun und einige andere baten HvZ, in St. Ansgarii eine evangelische Predigt zu halten. Das Predigen war beim vielen Messe-Lesen in Bremen etwas in den Hintergrund getreten, viele Angehörige des Klerus hatten nie etwas anderes gemacht, darum gab es ein grosses Bedürfnis. Aus diesem Grunde fühlten sich schon seit Ende des 15 Jhdts. viele Bremer stärker zu den Franziskanern von St. Johannis hingezogen. Deren Predigten waren glaubwürdiger, sie waren ein Bettelorden und hatten keine Messpfründe.
Die Predigt des HvZ muß von solcher Wirkung gewesen sein, dass man ihn bat, in Bremen zu bleiben. Nach Zustimmung des Rates und seines Ordensvorgesetzten, der von Luther vertreten wurde, stimmte er zu. Einzig das Kapitel von St. Ansgarii war nicht gefragt worden, darüber hatte sich der Bauherr einfach hinweggesetzt. Nun predigte HvZ jeden Tag in der südlichen Seitenkapelle unter – wie es heißt – wachsender Zustimmung der Bevölkerung, sodaß es in der Kapelle bald zu eng wurde.
Von seinen Predigten ist keine erhalten, aber sie werden zum Gegenstand vor allem 2 Themen gehabt haben:
Die Rechtfertigungslehre und die Missstände der Kirche. Aus einer Anklageschrift des Erzbischofs, der ihn abhören ließ, kann man den Inhalt der Predigten rekonstruieren. Wie in seinen Antwerpener Augustiner-Predigten griff HvZ die Kirche und ihre Ablasspraxis scharf an. Jegliche Werkgerechtigkeit, selig zu werden durch gute Werke, verurteilte er, und dazu gehörten auch die Seelenmessen und die Heiligenverehrung. Er soll den Papst als Antichrist und die hohen Geistlichen als Seelenbetrüger bezeichnet haben. Die Marienverehrung, das Fasten und die Wallfahrten habe er verworfen. Auch wenn man davon ausgehen muß, dass hier im Sinne einer Anklage sicher auch übertrieben worden ist, hört man doch auch ein wenig den Wittenberger Reformator aus diesen Worten. Aber auch das eigentliche erwähnt dieses Abhör-Protokoll, das reformatorische Anliegen: Er habe gepredigt, dass man Gottes Gebote nicht aus Furcht, sondern aus Liebe zu seinem erbarmen erfüllen solle. Gottes Erbarmen stehe über allem.
In jüngster Zeit wird diesem Protokoll große Authentizität bescheinigt. Es diente zur Einleitung eines Inquisitionsverfahrens, und wir können davon ausgehen, dass der Generalofficial des Erzbischofs als Ohrenzeuge häretische Sätze aus den Predigten des HvZ festgehalten hatte.
Das Ansgarii-Kapitel sah seine Existenzgrundlage infrage gestellt und rief den Erzbischof um Hilfe.
Dieser verlangte die Ausweisung oder die Auslieferung des Mönches. Über 2 Jahre hinweg wurde nun immer schärfer diese Forderung gestellt, der sich der Rat stets mit dem Hinweis wiedersetzte, man solle dem Antwerpener beweisen, das Evangelium unlauter gepredigt zu haben. Wenn der Nachweis erbracht sei, wolle man sich dem Erzbischof fügen. Aber einstweilen gebe es keinen Grund dazu, und eine Auslieferung ohne Verhör sei nicht zu verlangen. Es sei der Bremer gutes Recht, jedermann vor ungerechter Behandlung zu schützen.
So verlief das Ansinnen des Erzbischofs über fast 2 Jahre hinweg ergebnislos. Er berief mehrere Landtage bis hin zu einem Provinzialkonzil ein, und jedes Mal verweigerte der Rat der Stadt Bremen die Auslieferung mit der gleichen Begründung.
Hier zeigt sich eine erstaunliche Bereitschaft, die Rechte des einzelnen gegen despotische Willkür zu schützen. Auch wenn der Rat auf diesem Feld für seine eigene Unabhängigkeit kämpft, schafft er doch zugleich Strukturen einer humanen Gesellschaftsordnung, in der der einzelne den Schutz des Gemeinwesens vor ungerechtem Übergriff erfahren kann.
1523 läßt der Erzbischof das Wormser Edikt, das 1521 über Luther und seine Anhänger die Reichsacht verhängte, und die Bannbulle des Papstes an Dom und Rathaus anschlagen. HvZ wird damit zum Ketzer erklärt, der rat soll die Auslieferung durchführen. Aber die Bremer sind vorbereitet: Sie berufen sich auf die Beschlüsse des zwischenzeitlich 1522/23 in Nürnberg zusammengetretenen Reichstages, wonach binnen Jahresfrist ein allgemeines Konzil einberufen werden, und bis dahin das Evangelium nach rechtem christlichen verstand lauter gepredigt werden solle. Damit ist erst einmal ein Aufschub erwirkt, in dessen Schutz sich die evangelische Lehre weiter ausbreiten kann. Und dieser Aufschub macht die Bremer keck, sie fordern nun ihrerseits vom Erzbischof, dass die Prediger nicht nur schelten, sondern das Evangelium endlich recht verkündigen und im Übrigen der Klerus die öffentlichen Lasten mittragen solle.
Gleichzeitig fürchtete der rat ein gewaltsames Eingreifen des Erzbischofs und verstärkte die Stadtbefestigung, räumte das Gelände vor den Mauern und brach mit Einverständnis des Abtes das vor dem Ostertor gelegene Paulskloster ab. Man hatte Sorge, bei einem Angriff auf Bremen könnte dieses Kloster als strategischer Stützpunkt genutzt werden. Der Abt bekam in der Stadt in der Nähe von St. Ansgarii einen Platz zugewiesen. Die Zerstörung des Klosters erregte in der aufgewühlten Zeit erhebliches Aufsehen, vor allem den Zorn des Landesherrn. Gleichzeitig kam dem fast schon symbolische Bedeutung für die nun beginnende Entwicklung zu.
Der Rat hatte die reformatorische Botschaft zu seiner Sache gemacht, versuchte nun auch den innerkirchlichen Widerstand in Bremen zu mindern, die Pfarrer und Mönche von ihren feindseligen Predigten abzubringen und zu rechter Predigt zu ermutigen, was übrigens die Pfarrer von ULF und St. Martini mit der Begründung ablehnten, sie hätten nur gelernt, die Messe zu singen, aber nicht zu predigen.
Außerdem soll die Taufe auf deutsch gehalten und die Austeilung des Abendmahls in beiderlei Gestalt erfolgen.
Kurz danach – und das zeigt die rasante Entwicklung – kommt die Stadt nicht mehr mit einem evangelischen Prediger aus. Im gleichen Jahr 1524 wird an ULF Jacob Probst, ebenfalls Augustiner, Niederländer und mit Luther durch gemeinsame Wittenberger Zeit sehr verbunden, als Prediger eingestellt, und an St. Martini Johannes Timann aus Amsterdam .
Gleichzeitig konnte der Erzbischof endlich seine Stärke demonstrieren, indem er einen Feldzug gegen aufsässige Friesenstämme im Land Wursten unternahm. Mit großer Grausamkeit soll er sie niedergeworfen haben, rückkehrende Landsknechte haben dann in Arsten ein wenig mit Bremern scharmützelt, ein deutliches Warnsignal.
Aber dabei konnte es bleiben, denn im Dezember gelang es dem Erzbischof unverhofft, HvZs habhaft zu werden. Heimlich wollte dieser in Meldorf in Dithmarschen einem jungen Pfarrer beim Aufbau einer evangelischen Gemeinde behilflich sein, wurde aber entdeckt, verhört und am 11. Dezember 1524 in Heide auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 2 Jahre zuvor erging es vier niederländischen Augustinern so. Denen war er noch zu Hilfe geeilt, wurde selbst gefangen genommen, aber von aufrührerischen Antwerpenern, darunter 300 Frauen, befreit.
Luther Schreibt auf Bitten des Predigers an ULF, Jacob Probst einen Trostbrief an die Bremer Gemeinden. Darin wird kein Wort der Klage laut, aber voller Dankbarkeit sieht er, wie „Gott die Bremer so gnädiglich heimgesuchet hat, auch seinen Geist und Kraft in diesem Heinrich so augenscheinlich erzeigt hat, dass sie es ergreifen könnten.“
In Bremen hat sich dann wie in den anderen deutschen Städten die Reformation dank auch der politisch unklaren Lage rasch ausbreiten können. Jacob Probst führt das Werk HvZ fort, hält an 4 Tagen in der Woche Predigten, vor allem für die „Armen“ und Vorlesungen an den Nachmittagen für Gelehrte und Pastoren.
1525 werden die Gottesdienstordnungen geändert, deutsche Texte eingesetzt, liturgische Gesänge abgeschafft, und ist bezeichnenderweise in Niederdeutsch abgefasst.
1528 werden die Klöster aufgehoben, 1534 wird die erste Bremische Kirchenordnung erlassen und Jacob Probst vom Rat zum Superintendenten berufen.
In kürzester zeit vollzieht sich in Bremen der Bruch mit jahrhundertealten Traditionen. Ortwin Rudloff schreibt in seiner Untersuchung der häretischen Sätze des HvZ: „Die hierarchisch verfasste Kirche, deren Sakramente Heil vermittelten, deren Rechtsordnungen auch das bürgerliche Leben bestimmten, zerbrach unter dem Eindruck der Predigt Heinrichs“.
Das alles wäre nicht möglich gewesen ohne die kluge Politik des Rates, der geschickt die Lage im deutschen reich nutzt, nicht ohne grosse Risiken einzugehen. Er lässt sich nicht auf theologische Streitigkeiten ein, beruft sich lediglich auf die rechtsmittel der Billigkeit und Schriftautorität sowie auf das alte Recht, die Freiheit der Stadt und ihrer Bürger zu verteidigen. Damit wird der rat formal unangreifbar.
Wir, die Nachgeborenen, mögen uns streiten über die Frage, ob es rein politisches Kalkül gewesen sein mag oder ob eine rein säkulare Motivation seines Vorgehens nicht ausreicht. Und wir mögen uns streiten darüber, welche Bedeutung dieses Vorgehen für die Gegenwart hat.
Bremen, im März 2004
Jürgen Mann
Verwendete Literatur:
Bodo Heyne: Reformation in Bremen, in Hosp.Eccl. 8
Ortwin Rudloff: Häretische Sätze..., in Hosp. Eccl. 15
Sabine Presuhn: Tot ist, wer vergessen wird 2001
St. Ansgarii-Gemeinde
Die Geschichte der St. Ansgarii-Gemeinde beginnt im März 1229 mit der Aufteilung von Unser Lieben Frauen, der damals einzigen Stadtpfarrei, in drei neue Sprengel: Liebfrauen, St. Ansgarii und St. Martini.
Name und Tradition von St. Ansgarii reichen jedoch weiter zurück. Die Überlieferung berichtet, dass Bischof Ansgar, der sich als frommer "Apostel des Nordens" besonders der Armen und Kranken annahm, und von 848 - 865 Erzbischof von Bremen war, hier eine Stiftung für 12 bedürftige Geistliche ins Leben rief. Und Erzbischof Hartwig II. erweiterte diese Gründung 1187 um 12 Priester zu einem Kollegiatstift St. Ansgarii, das als Basis der neuen Gemeinde von 1229 gilt.
Nach Festsetzung der Grenzen des neuen Kirchspiels in der Bremer Altstadt durch Erzbischof Gerhard II. wandte man sich verstärkt der Errichtung der Kirche zu, einer bereits im Bau befindlichen Basilika mit Querschiff und halbrundem Chor. Sie wurde 1243 geweiht, aber schon Ende des 14. Jahrhunderts in eine Hallenkirche umgebaut. Die Ähnlichkeiten dieses Umbaus mit den gleichzeitig in Hallenbauten veränderten Kirchen Unser Lieben Frauen und St. Martini scheinen durch zentralen Einfluß bedingt zu sein. Die fast quadratischen Grundrisse aus jeweils drei quadratischen Jochen, der lange Chor mit gerader Abschlußwand, die quer gestellten Dächer und viele gemeinsame Details in der Gestaltung der Innenräume wiesen auf westfälischen Einfluß hin und lassen vermuten, dass Erzbischof Gerhard II. Bauleute aus seiner Heimat Lippstadt verpflichtete, die dieses Formengut nach Bremen mitbrachten.
Die heutige St. Ansgarii-Gemeinde bewahrt das Andenken des Reformators in der Namensgebung ihres integrativen Kindertagesheims, dem "Heinrich-von-Zütphen-Haus", das 1972 auf dem Nachbargrundstück Hollerallee 4 eröffnet wurde.
St-Ansgarii war viele Jahrhunderte hindurch Mittelpunkt einer großen Altstadt-Gemeinde, die eine der aktivsten Rollen im kirchlichen und politischen Leben Bremens spielte. Dem entsprach der eindrucksvolle Kirchenbau an der Obernstraße, dort wo der Name Ansgarii-Kirchhof noch heute an ihn erinnert. Dem entsprach auch seine reiche und kostbare Ausstattung (27 Altäre) und vor allem der imposante, 102 m hohe Turm.
Als 1944 am 1. September der Turm von St. Ansgarii ins Mittelschiff stürzte eine Sprengbombe hatte bereits 1943 das Fundament geschädigt - wurde der Bau total zerstört. Die St. Ansgarii-Gemeinde verlor ihr Zuhause und Bremen mit dem höchsten Turm der Stadt das Wahrzeichen seiner Silhouette.
Die Nachkriegszeit und die Notkirche
1946/47 fand die Gemeinde nach und nach wieder zusammen. Sie traf sich zu Gsprächs- und Bibelabenden inprivaten Räumen und feierte Gottesdienste im Wohn-/Eßzimmer im großen Haus eines Bremer Arztes.
1948 entstand auf dem jetzigen Grundstück eine Notkirche aus einer Baracke, die der Kirchenvorstand nach Kriegsende angekauft hatte. Das Grundstück wurde zunächst gepachtet, konnte dann aber angekauft werden unter der Bedingung des Besitzers, daß ihm zusätzlich zur Preisforderung 5000 aus den Trümmern geborgene Ziegelsteine geliefert würden. Auch das haben Gemeindemitglieder gemeinsam geschafft!
Da die Notkirche bald zu klein war für die schnell wachsende Gemeinde, drängten die Pastoren Claus Liske und Dr. Christel Matthias Schröder auf eine großzügigere Lösung. Man entschied sich für einen Kirchenneubau an diesem Platz in der Annahme, dass in der zerstörten Innenstadt infolge der hohen Grundstückspreise und Baukosten kaum noch Gemeindemitglieder privat wohnen würden.
1952 wurde der Kirchenneubau ausgeschrieben,
1955 der Grundstein gelegt.
1957 die Einweihung der neuen Kirche gefeiert.
Das neue Gemeindezentrum
Der Neubau von Kirche und Gemeindehaus erfolgte nach den Plänen und unter der Bauleitung von Fritz Brandt. Brandt hatte u.a. die Auflage, den Basilika-Typus des alten Baus wieder aufzu-nehmen und angemessenen Raum zu schaffen für die geretteten Ausstattungsstücke aus der zerstörten Kirche. Außerdem gehörte zu seinem Bauauftrag ein großes Gemeindezentrum, das der Kirche ihre Dominanz belassen, aber nicht untergeordnet erscheinen sollte.
Die neue Kirche
Die präsentiert sich durch die hohe ungegliederte Fassade aus nord-deutschem Backsteinmauerwerk in einer würdigen Monumentalität, dieaber keinen optischen Bezug hat zu dem - nach italienischer Tradition - frei stehenden Glockenturm. Als Verbindung von Kirche und Turm fungiert das Küsterhaus, das gleichzeitig den Platz nach Norden abschließt.
"Basilika'"nennt man eine längsgerichtete, mehrschiffige Kirche mit überhöhtem Mittelschiff, das eine eigene Fensterzone im sogenannten Obergaden hat. Dieser Bautyp ist in der Antike entwickelt worden und hat sich von der altchristlichen Zeit über die Romantik und Gotik bis heute in der Sakralbaukunst erhalten. St. Ansgarii gehört dem 3-schiffigen Basilikatypus an mit Vorhalle, aber ohne Querhaus.
Fritz Brandt hat in St. Ansgarii auf alle Schmuck- und Gliederungs-elemente verzichtet, die die Architektur der historischen Vorbilder bestimmten; einzige Ausnahme ist der Würfelfries unterhalb der Decke. Die Arkaden und Fenster im Mittelschiff erscheinen wie ausgeschnitten aus der glatten Wand, die unter der Farbe sichtbar bleibt. (Die Pfeiler sind im tektonischen Sinne also keine Pfeiler sondern stehengebliebene Wand.)
Die vielfältigen Bau- und Gliederungselemente, aus denen die christliche Basilika vom Ursprung her lebt, -atmosphärisch, stilistisch und kultisch - gibt es in St. Ansgarii nicht.
Insbesondere betrifft das den alten 14 m hohen Orgelprospekt mit dem neuen Instrument von Alfred Führer.
Die Orgel
Das Orgelwerk wurde beim Einsturz der alten St. Ansgarii-Kirche zerstört; erhalten geblieben ist jedoch der großartige Orgelprospekt, d.h. all die ornamentalen und figürlichen Schnitzereien, die die vorderen ansehnlichen Pfeifen umrahmen und dem Instrument das Gesicht geben. Die Schnitzereien waren in Privatinitiativen auseinander-genommen und in Wohnhäusern von Gemeindemitgliedern ausgelagert worden.
Der älteste Teil des Orgelprospekts ist der Mittelteil: er stammt aus dem Jahr 1611, als der Verdener Orgelbauer Marten de Mare mit dem Bau einer Orgel für St. Ansgarii beauftragt wurde. Für die reichen Dekorationen standen den Schnitzern Musterbücher oder auch gestochene Vorlagen zur Verfügung.
1736 wurde die alte Orgel um 2 Pedaltürme erweitert, deren Ornamentschmuck weniger variantenreich, nur aus Blattranken und Rollwerk, d.h. aus Schmuckmotiven besteht, die sich an ihren Enden oder Rändern rollen.
Die Farbigkeit des Orgelprospekts entspricht der ursprünglichen Fassung.
Der Einbau des etwa 14 m hohen Prospekts in die neue Kirche war sehr problematisch. Geschaffen für einen Standort mit spitz zulaufendem Gewölbe, beansprucht er unter der flachen Decke eine enorme Raumhöhe. Als Lösung des Problems wurde das Hauptwerk tiefer angebracht als vorgesehen und für den mittleren Pfeifenturm eine kleine 'Spezialkuppel' geschaffen. Die klanglichen Nachteile dieser Notlösung konnten erst ausgeglichen werden bei einer großen Orgelrenovation 1994.
Das Orgelwerk, das heute den alten Prospekt ausfüllt, wurde 1958 von der Firma Alfred Führer in Wilhelmshaven gebaut. Es ist die zweitgrößte Orgel in Bremen. Ihre 4427 Pfeifen in 61 Registern werden auf vier Manualen und Pedal gespielt.
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