St. Michaelis - St. Stephani-Gemeinde: Stephani-Kirche & Gemeindehaus
Geschichte der Gemeinde
Bereits vor der Reformation kann man von einer regelrechten „Steffensstadt“ reden: Rings um die hochragende Kirche: das Kapitelhaus, das „Slaphus“ der Vikare, Wohnungen in der Außenmauer. Ein Häuschen am Turm bewohnte der „Hundeschläger“. Er hatte die Aufgabe, die Tiere während des Gottesdienstes aus der Kirche zu jagen. Dort drinnen gab es vielerlei Gestühl – vom Polstersitz für vornehme Herrschaften bis zum Klappsitz –, das in gestaffelten Preisen vergeben wurde.
Auch hier, wie in den anderen bremischen „Unterstiftern“, schaffte die Reformation nicht mit einem Schlage klare Verhältnisse. Die Pfründenwirtschaft des Kapitels ging sogar bis ins 17. Jahrhundert weiter. Doch schon 1526 stand der als Ketzer verschriene „Herr Herrman“ auf der Stephani-Kanzel, „ein christlich und gelert praedicante des hilligen evangelii“. Katholisches Brauchtum hielt sich aber noch lange: Die Verwendung von Weihrauch, nützlich wohl auch wegen des Verwesungsgeruches aus den schlecht abgedichteten Gräbern, wurde gar erst um 1812 eingestellt. Nun aber fanden täglich dreimal evangelische Gemeinde-Gottesdienste statt. Eine „Gotteskiste“ für die Versorgung der Armen existierte schon seit 1526. Dem Worte Gottes, der Seelsorge und der Schule, für die St. Stephani weit bekannt wurde, galt der besondere Einsatz der Bauherren, Diakone und natürlich der Prediger.
Zum lebenslänglichen Ehrenamt eines Bauherrn gehörten die Gemeindeleitung und auch Aufgaben der öffentlichen Fürsorge, denn im Kirchspiel befanden sich das „Mannhaus“, das „blaue Waisenhaus“, „dieser stat armenhaus zum Bethen und Arbeiten“ und die Stephani-Schule. Manche Bauherren gaben sich selbstbewusst, z.B. Bürgermeister Arend Meier (1634 – 55), der mit seinem Führungsstil in der Gemeinde Anstoß erregte.
Der Bremer Rat verstand sich durchaus als legitimes Kirchenregiment. Jede Gemeindeversammlung, jede Pfarrerwahl war von ihm zu genehmigen, wobei die neu berufenen Prediger vor versammelter Gemeinde den Bürgereid zu schwören hatten. Versprachen die Konvente wegen Meinungsverschiedenheiten heikel zu werden, wurden auch wohl mal Soldaten der Bürgermiliz nach St. Stephani abgeordnet.
Die Chronik weist eine stattliche Pastorenliste auf; entschiedene, mitunter recht streitbare Vertreter des reformierten Bekenntnisses. Hier sollen nur einige Prediger genannt werden. Über deren Beharrlichkeit gegenüber der Staatsgewalt kann zum Beispiel im Buch von Claus Heitmann (Von Abraham bis Zion) einiges nachgelesen werden.
In der Reformationszeit wirkten die Prediger Carsten Emptes (1548 – 62) und Leo Wasmann (1551 – 1603). Dem letzteren ließ die Gemeinde als Zeichen der Sympathie ein Bild in die Wand des Pastorenhauses setzen; es stellte den Sieg eines Löwen über einen Drachen dar. Eine Kopie befindet sich heute in der Außenwand des Gemeindehauses Stephanikirchhof 8. Von 1709 bis 1720 wirkte hier Friedrich Adolf Lampe, dessen Bundestheologie auch im reformierten Holland verbreitet wurde und dessen Lieder lange im Gesangbuch standen. Johann Smidt, der Vater des gleichnamigen Bürgermeisters und Gründers von Bremerhaven, war hier 35 Jahre tätig (1760-95). Dr. Johann. Ewald (1796 – 1805) wurde später als Theologe bekannt. Fast vierzig Jahre, von 1827-1865, war Friedrich Ludwig Mallet hier tätig, wohl der bekannteste Pastor der Gemeinde.
Mallet, ein begnadeter Seelsorger, ergriff auf verschiedenen Gebieten die Initiative. Er war Mitbegründer des „Jünglingsverein Feierabend“ von 1834, eines Vorläufers des späteren CVJM. Er förderte die innere wie die äußere Mission. Es entstanden Vereine, eine „Kinderbewahranstalt“ und später das 1899 gebaute Gemeindehaus, eines der ersten Gemeindehäuser überhaupt. In den Jahren 1851-68 stand dem Pastor der Bauherr Johann Carl Vietor zur Seite.
Die Verhältnisse im Bremer Westen hatten begonnen, sich sprunghaft zu verändern. Zwischen 1880 und 1898 stieg die Einwohnerzahl hier um nahezu das Doppelte, immer mehr Fabrikanlagen schossen aus dem Boden. Die längsseits der Weser gelegene „Kirchenweide“ von Stephani, um deren Besitz immer wieder und einmal sogar vor dem kaiserlichen Hofgericht in Wien prozessiert worden war, wurde in ihrer Bedeutung für die bremische Wirtschaft entdeckt. Weitsichtig schlug der Bauherr Hinrich Stoevesandt den Bau von Heimstättensiedlungen im Utbremer Gelände vor, um das Wuchern von „Familienkasernen“ zu verhindern. Das Siedlungswerk blieb in der Planung stecken, aber die Kasernen wurden verhindert. Für den Erlös der „Kirchenweide“, auf der sich nun ein riesiges Industriegebiet und seit 1884 der „Europahafen“ ausbreitete, konnte die Gemeinde ihre Kirche umbauen und ihre missionarische Arbeit in die immer dichter besiedelten westlichen Vorstadtteile Walle und Findorff tragen. In Walle wurde 1878 an der Nordstraße die Wilhadi-Kirche und 1908 in der Elisabethstraße die Immanuel-Kapelle errichtet. Erst spät, 1946, wurden die Wilhadi- und Immanuelgemeinde juristisch eigenständig. In Findorff wurde ein Vereinshaus in der Sommerstraße errichtet, in dessen Umfeld zunächst der von St. Stephani eingesetzte Pastor M. Graeber (1914 – 21) und ein Stadtmissionar vom Verein für Innere Mission gemeinsam tätig waren. Ein 1929 fotografiertes Bild vom Pastorenkollegium der Großgemeinde St. Stephani zeigt die Pastoren Paul Thyssen und Wiard Rosenboom (beide Alt-Stephani), die Pastoren Rudolf Vietor und Erwin Arlt (beide Wilhadi), Pastor Paul Gerhard Tiefenthal (Immanuel) und Pastor Waldemar Vogt (Findorff, seit 1934 Luther-Gemeinde), als Nachfolger von Pastor Graeber.
Seit der Zeit Mallets und seines Pflegebruders Müller dominierte in St. Stephani die „positive“ theologische Richtung: Man hielt am Bibelwort fest und lehnte jede moderne Um-deutung oder Verwässerung ab. Mit gleicher Entschiedenheit dachte man national. Diese Kombination aus Orthodoxie und Nationalismus hielt sich unangefochten bis zum Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. In den folgenden Jahren formierte sich an Stephani Widerstand gegen die Herrschaft der nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ in der Bremischen Evangelischen Kirche. Es bildete sich 1934 anstelle des mundtot gemachten Gemeindevorstands ein „Bruderrat“ aus zwei Frauen, Magdalene Thimme und Elisabeth Forck, und drei Männern, die alle der sog. „Bekennenden Kirche“ angehörten. Ihr schlossen sich mit vielen Gemeindegliedern beide Pastoren an, Pastor Wiard Rosenboom im Bezirk St.-Nord (1926 – 37) und Dr. Gustav Greiffenhagen in St.-Süd (1931 – 67), der zeitweilig suspendiert und in „Schutzhaft“ genommen wurde. Nach dem frühen Tod von Pastor Rosenboom 1937 war im Nordbezirk bis zum Kriegsende Pastor Fritz Schipper (1939 – 45) „illegal“ tätig: Er wurde vom deutschchristlichen Landebischof nicht anerkannt und von der Gemeinde bezahlt. Als Schipper Soldat werden musste, versorgte die Gemeinde sich selbst. Diese Zeit hat Magdalene Groot-Stoevesandt, 1941–76 Gemeindehelferin der Gemeinde, in einer Broschüre mit dem Titel „Wüstenwanderung“ beschrieben.
Die Gemeinde hat sich um getaufte Menschen jüdischer Herkunft Sorgen gemacht und 1941, als deren Deportation bevorstand, einen Abschiedsgottesdienst gehalten und sie mit warmen Sachen für ihre Reise in den Osten versorgt. Man hörte nichts wieder von ihnen. Sie wurden in Minsk umgebracht. Ein Jahr später drang die Kunde von der Vernichtung der Juden im Osten in die Stephani-Gemeinde.
Nach Kriegsende 1945 begannen die Pastoren G. Greiffenhagen und Wilhelm Garlipp (1946 – 76) mit einer Reihe von treuen Gemeindegliedern mit aller Kraft sowohl mit dem Wiederaufbau der Gemeinde, die personell in alle Windrichtungen zerstreut war, als auch mit der Wiederherstellung der Gemeindegebäude und der Kirche.
Von den alten prächtigen Gebäuden wie das Gemeindehaus, den Pastorenhäusern und der Stephanischule, die den Stephanikirchhof vor dem 2. Weltkrieg umrahmten, war nichts erhalten geblieben. Im Juni 1953 entstand am Kirchhof ein neues Gemeindehaus, doch nicht in alter Größe. Es wurde 1958 in ein Gemeindezentrum einbezogen, das an der Faulenstrasse 108 neu erbaut wurde und aus einem großen und einem angrenzenden kleinen Saal besteht. 1959 wurde es eingeweiht.
In der Kirche wurde die Beckerath-Orgel eingebaut, und Kantor Erich Ehlers (1961 - 1996) verhalf der Kirchenmusik an St. Stephani und dem Stephani-Chor zu neuer Blüte. Der Künstler Erhard Mitzlaff entwickelte gemeinsam mit dem Kirchenvorstand die Kirchenfenster nach dem Bild des himmlischen Jerusalems aus der Offenbarung Johannis.
Am Stephanikirchhof, rechts neben dem Gemeindehaus von 1953, entstanden drei Häuser, die der Gemeinde dienten: ein Mehrfamilienhaus für die bei der Gemeinde angestellten Mitarbeiter (Nr.7) und daneben für die beiden Pastoren zwei Einfamilienhäuser. Im linken (Nr.6) wohnten die Pastoren Garlipp und nach dessen Emeritierung sein Nachfolger Gerold Jaspers (1967-1978). Rechts (Nr.5) wohnte Greiffenhagen und später, als die Gemeinde nur noch einen Pastor hatte, Louis Ferdinand von Zobeltitz. Als der später Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche wurde, blieb er hier wohnen, und seine Nachfolger zogen ins das Haus Nr. 6 ein: Jan Holthuis (1996-2000) und Friedrich Scherrer (seit 2000).
Neben dem Gebäudeteil an der Faulenstrasse baute die Gemeinde ein großes Wohnhaus mit kleinen Wohnungen für alte Menschen. Alle diese Bauvorhaben wurden mit Hilfe der Bremischen Evangelischen Kirche realisiert. Die Stadt baute an der Weser in Kirchennähe eine neue Schule.
Der St. Stephani-Gemeinde gehören heute erheblich weniger Menschen als früher an. Von den ca. 6000 Gemeindegliedern 1958 waren 2003 noch ca. 1500 übrig, also nur noch ein Viertel. Außer den Faktoren, die überall zum Rückgang der Protestanten führten, wirkten sich zwei Faktoren besonders auf Stephani aus: die ungünstige Lage des Gemeindesprengels und die Abwanderung von Menschen aus der Innenstadt. Trotz dieser Entwicklung nahm und nimmt auch heute die Gemeinde weiter ihre politische und daneben ebenso ihre soziale Verantwortung wahr:
Seit 22 Jahren öffnet sie jeden Sonntagnachmittag, außer in den Schulferien, ihr Gemeindehaus, um Obdachlosen und anderen sozial schwachen Menschen für einige Stunden ein kleines Stück Geborgenheit bei Kaffee, Kuchen und einer warmen Mahlzeit kostenlos anzubieten. Ebenso lange findet jedes Jahr am Heiligabend nach dem Gemeindegottesdienst ein Weihnachtsfest für 150 – 200 Menschen im großen Gemeindesaal statt.
Die Betreuung dieser Sonntagsgäste – es kommen manchmal bis zu 70 Personen am Nachmittag – übernimmt ein 1982 gegründeter gemeindlicher Arbeitskreis. Seit einigen Jahren gehören ihm zwar weniger Mitglieder der Gemeinde an, dafür aber sind Mitglieder aus der Katholischen Stadtgemeinde "Johannnes XXIII." hinzugekommen, die sehr engagiert mitarbeiten.
Die Bremische Evangelische Kirche startet im Januar 2007 mit der St. Stephani-Gemeinde in der St. Stephani – Kirche das Projekt „Kulturkirche St. Stephani“.
„Die Kulturkirche ist ein Ort des kulturellen Experiments, des spirituellen Spiels und der Sinnsuche. Der helle, klare Raum der Kirche lädt zum Dialog ein. Die Kulturkirche ist offen für unterschiedliche Sparten wie Musik, bildende Kunst, Theater, Tanz, Film, Literatur und vieles mehr.“
Jeweils einmal im Monat finden von einem Projektarbeitskreis vorbereitete Gottesdienste statt, in denen das aktuelle Projektprogramm einfließt.
Es beginnt im Januar damit, daß Künstler eine Pyramide aus Sand in die Kirchenvierung des Hauptschiffs bauen. Ein mehrwöchiges Rahmenprogramm schließt nun daran an.
In der St. Stephani - Kirche finden nun Ausstellungen von Kunstwerken, öffentliche Gespräche und Diskussionen mit Künstlern, Besuchern und Kultur schaffenden Menschen, kirchenmusikalische Darbietungen und Gottesdienste mit Künstlern, Kulturschaffenden und Wissenschaftlern statt.
Als wichtiges Projektelement ist die Kirchenmusik zu nennen, denn zum Projekt gehört jetzt die 1999 neu gegründete Bremer Kantorei St. Stephani (ehem. St. Stephani – Chor) unter der Leitung von Kantor Tim Günther.
Seit dem September 2005, es gab 1996 schon einmal einen Versuch, befindet sich die Gemeinde in Gesprächen mit den westlichen Nachbargemeinden St. Michaelis und Wilhadi mit dem Ziel eines Zusammenschlusses. Aus diesem Prozess haben sich Fusionsgespräche mit der St. Michaelis-Gemeinde ergeben.
Aber schon über einen längeren Zeitrahmen hinaus hat sich eine gute, praktische Zusammenarbeit mit der St. Michaelis-Gemeinde entwickelt:
Seit Herbst 2000 wird ein Jahrgang des Konfirmandenunterrichtes gemeinsam durchgeführt und der Abschlussgottesdienst gemeinsam gefeiert; seit April 2007 wird das Erzählcafé gemeinsam verantwortet und seit Juni 2007 das Gemeindeblatt „Kirchen im Blick“ zusammen mit der St. Michaelis-Gemeinde herausgegeben.
Zusammenstellung 09 / 2007 Reinhard Schumacher
Anm. des Verf.: Vielen Dank an Herrn Dr. Diether Koch.
Literaturverzeichnis:
Heinrich Albertz (Hrsg.), 850 Jahre St. Stephani-Gemeinde, Bremen 1990 (Steintor-Verlag)
Gustav Greiffenhagen, Reden und Schriften 1931-1961 (hrsg. v. D. Koch), Bremen 1995
(=Hospitium ecclesiae, Forschungen zur bremischen Kirchengeschichte, Band XX)
Martin Greiffenhagen (Hrsg.), Pfarrerskinder. Autobiographisches zu einem protestantischen Thema, Stuttgart 1982
Magdalene Groot-Stoevesandt, „Wüstenwanderung“. Der Weg einer illegalen Bremer Kirchengemeinde unter dem Nationalsozialismus 1939-1945, Bremen o. J. [1976]
Claus Heitmann, Von Abraham bis Zion, Bremen 19851 (Donat & Temmen Verlag), 20002
(Edition Temmen)
Diether Koch, Die Haltung der St. Stephani-Gemeinde in Bremen zum Antisemitismus und zu ihren Gliedern jüdischer Herkunft nach 1933 (FS für G. van Norden), Köln 1993, S. 291-320
ders., Zur Erinnerung an Magdalene Thimme, in: Brem. Jahrbuch Bd.71, 1992, S. 123-189
Almuth Meyer-Zollitsch, Nationalsozialismus und Evangelische Kirche in Bremen (Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien Hanssstadt Bremen Band 51), Bremen 1985.
Friedrich Prüser, Achthundert Jahre St. Stephanikirche. Ein Stück bremischer Geschichte, Bremen 1940


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