Kirchengemeinde in der Neuen Vahr
Vom Reißbrett in den Sand: Die Vahrer Gemeinden
Die Vahr nämlich ist ältestes bremisches Kolonisationsgebiet. Hier haben jene sechs Utrechter „Entwicklungshelfer“, die bald nach 1104 von Erzbischof Friedrich engagiert wurden, höchstwahrscheinlich die erste Probe ihres Könnens abgelegt. Und nach dem Vahrer Modell ist später das Hollerland, sind die weiten Sümpfe und Brüche zwischen Wümme und Ochtum aus ihrem vorzeitlichen Tiefschlaf geholt worden. Die am höchsten gelegene Feldmark Vahr bot sich für das Experiment am ehesten an: Gräben wurden gezogen, der rückwärtige „Achterdiek“ gegen neu andringendes Wasser aus dem noch unbesiedelten „oberen Land“ angelegt und an einem Fleet, auf Wurten, Bauhöfe errichtet. Das ganze Areal nannte man „Vara“ oder „Vahr“. Das bedeutet etwa „Föhren“- oder „Kiefern“-Gegend.
Gut 800 Jahre später setzte der Senat der Freien Hansestadt Bremen im Umkreis dieser noch immer ländlichen Flächen zum zweiten Sprung in die Zukunft an – einem gewaltigen Projekt der Urbanisation. Man erinnert sich heute kaum noch, wie bedrückend die Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg war. Drei Fünftel aller Gebäude Bremens lagen in Schutt und Asche. Zehntausende hausten in Notunterkünften. Diese Zwangssituation veranlasste den Staat zu eiliger Förderung des sozialen Wohnungsbaus, nicht zuletzt zu dem spektakulären Vahrer Großprojekt.
Mitte der fünfziger Jahre entstand, noch auf dem Boden der Hastedter Feldmark, die „Gartenstadt Vahr“, zwischen Vahrer Straße und der Osnabrücker Eisenbahnlinie. Rund 5000 Menschen bot sie Raum. Es folgte, 1957-62, auf einem 200 ha großen Wiesengelände der alten Feldmark Vahr, die Trabantenstadt „Neue Vahr“ – seinerzeit die größte Wohnungsbaustelle in der Bundesrepublik. Etwa 35.000 Einwohner beiderseits der Franz-Schütte-Allee sollte sie aufnehmen. Fakten und Ideen verknoteten sich unter den zufällig zusammengewürfelten Einwohnern der Vahr zu Problemknäueln, die von Zeit zu Zeit zum Tagesgespräch in Bremen wurden.
In dieses Problemfeld, das mit den ersten Wohnblocks buchstäblich aus der grün gewesenen Erde wuchs, wurden die ersten Mitarbeiter der bremischen Kirche geschickt. Auch sie stand vor absolutem Neuland. Ungewohnte Fragen der Planung und des Kirchenrechts waren zu lösen, und man spürt aus den Aufzeichnungen aus diesen Jahren noch heute, wie schwer sie sich anfänglich mit verantwortbaren Entscheidungen getan hat.
Den wirklichen Sprung ins kalte Wasser haben freilich die kirchlichen Pioniere auf dem noch aufgewühltem Boden machen müssen: kleine Dienstgruppen, Volksmissionare, die Pastoren der ersten Stunde. Bei Hausbesuchen, in angemieteten Räumen, dann in Notkirchen und schließlich in neu und immer wieder anders konstruierten Gotteshäusern, die der beispiellosen Lebenssituation der Neusiedler entsprechen sollten, legten sie die Grundsteine für die kirchliche Entwicklung in sämtlichen Nachbarschaften der Vahr. Je nach Beurteilung der Lage haben die Gemeinden dann auch mit unterschiedlichen und wechselnden Konzepten auf sie geantwortet. In dem weiten Spektrum zwischen notwendiger Anpassung an die „Bedürfnisse“ der Bevölkerung und dem entschiedenen Festhalten am besonderen Auftrag der Kirche sind sie angeordnet. Davon werden die folgenden Portraits wenigstens etwas ahnen lassen.
Die Kette der Geburtstage unserer Vahrer Gemeinden erstreckt sich über einen Zeitraum von zehn Jahren. Den Anfang machte 1956 „Epiphanias“ in der Gartenstadt. Ein Jahr später wurde, als erste in der Neuen Vahr, die „Christus –Gemeinde“ gebildet. Ebenfalls hier folgten 1958 „Dreifaltigkeit“ und „Heilig-Geist“. Gewissermaßen ein Nachkömmling ist die 1966 gegründete „Jona-Gemeinde“- sie ergänzt das kirchliche Leben in der Gartenstadt Vahr.


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