Gefängnisseelsorge der Justizvollzugsanstalt Bremen-Oslebshausen
Ein „freier“ Tag im Gefängnis
Es klopft an meiner Zellentür: „Lebendkontrolle“ auf acht Quadratmetern. Man bringt mir das Frühstück. Ich liege schon eine Stunde wach und streiche einen weiteren Tag aus dem Kalender – noch 723.
7.30Die Arbeit in der Klempnerei fällt heute aus. Und damit mein Lohn. Mein Meister ist krank. 23 Stunden Einschluss. Aber vielleicht schaffe ich es dann wenigstens, mit frischem Kopf den Antrag auszufüllen – wegen der Drogentherapie.
9.00Frage den Beamten, ob ich heute noch schnell einen Termin bei der Drogenberatung bekommen kann- nur kurz, um den Antrag abzugeben. Er will sich drum kümmern.
11.30Der Beamte kommt mit dem Mittagessen. Der von der Drogenberatung ist schon wieder weg. Muss einen Antrag schreiben. Vielleicht komme ich dann in zwei Wochen dran. Wieder heißt es warten. Und bis zur Kostenzusage können noch vier Monate vergehen.
12.00Mittagspause – für die, die arbeiten. Ich habe ja einen ganzen „freien“ Tag im Knast. Ruhe habe ich aber nicht. Mein Nachbar dreht wieder diese Musik auf, von der ich kein Wort verstehe.
13.00Zurück zur Arbeit. Aber nur die anderen. Stiere meine Telefonkarte an. Nur noch wenige Einheiten drauf. Aber ich muss in der Freistunde endlich mal Trixi erreichen. Sie antwortet mir schon seit Wochen nicht mehr. Vielleicht hat sie schon einen anderen. Dann bring ich mich um ...
14.00Ich höre vom Beamten, dass noch Plätze beim Sport frei sind. Einmal die Woche Dampf ablassen. Aber da ist auch Kurt – und der ist sauer auf mich. Wartet schon seit zwei Einkäufen auf den Tabak, den ich ihm schulde. Der haut mir bald eine. Gehe ihm lieber aus dem Weg. Heut Nachmittag ist Einkauf.Erst kriegt er seinen Tabak. Dann wieder zum Sport.
15.30„Einkauf!“ - einmal im Monat. Endlich Tabak und Kaffee. Aber der Tabak ist gleich wieder weg. Den kriegt ja Kurt. Vielleicht kann ich mir eine Packung von Bruno pumpen.
16.00Freistunde. Eine halbe Stunde Warten am Telefon. Dann endlich ihre Stimme! Aber nur auf dem Anrufbeantworter. Wieder nicht da. Und wieder eine Einheit weniger auf der Karte.
17.30„Abendessen!“ - jeden Tag in der gleichen Plastikschale. Vielleicht noch 722 Mal.
18.00Ich schreibe einen Brief an Trixi. Es ist schon der vierte ohne Antwort. Das macht mich verrückt. Was sie wohl treibt. Oder mit wem ... ? Ich werde mir von Bruno noch eine Briefmarke pumpen.
19.30Nachtverschluss. Jetzt beginnt eine weitere einsame Nacht mit Schnee – auf der Mattscheibe. Kein Geld für'n Decoder. Also ARD im Schnee – aber dafür immer in der ersten Reihe.



kirche-bremen
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