Jahresbericht des Schriftführers

Freiheit & Verantwortung

Das ist Tradition: Der Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche hält zum Auftakt des Frühjahrskirchentages seinen Jahresbericht zu einem Schwerpunktthema in Kirche und Gesellschaft. Aktuelles Thema: Freiheit & Verantwortung.

In seinem Jahresbericht verarbeitet der Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche, Pastor Bernd Kuschnerus, die Berichte der Gemeinden und Einrichtungen zum Jahresthema Freiheit & Verantwortung und reflektiert es aus theologischer Sicht. Folgende Aspekte hebt er zum Thema in diesem Jahr hervor:

  • Die Corona-Krise und deren theologische Deutung
  • Die nachhaltige Bedeutung von Corona für die kirchliche Arbeit
  • Die Rolle von Seelsorge in Zeiten der Krise
  • Identitätspolitik und der Umgang mit Hassbotschaften

Lehren aus der Corona-Pandemie

Die Corona-Krise, so Kuschnerus, habe der Gesellschaft gezeigt, wie wichtig Psyche und Spiritualität im Leben der Menschen seien und wie sehr man sie in den Verordnungen und der Berichterstattung unterschätzt habe. Er schließt sich der Frage des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, an, woher das Narrativ komme, die Kirche hätte in der Pandemie geschwiegen. Die zahlreichen digitalen und seelsorgerlichen sowie die praktisch unterstützenden Angebote zeigten ganz deutlich, dass die Kirche vor Ort bei den Menschen ist. Viele Ideen seien aus der Krise erwachsen. Allerdings würden "durch die Corona Krise die systembedingten unterschiedlichen gegenläufigen Orientierungen in Kirche und Institutionen, wie Krankenhäusern, Heimen, Schule und Polizei noch deutlicher zutage treten. Für die Seelsorgenden stellt das oft besondere Herausforderungen dar." Das seien nicht nur die Belastungen durch die Hygienemaßnahmen, "sondern auch die zeitweilige Infragestellung des Zuganges der Seelsorgenden zu den ihnen anbefohlenen Menschen in Heimen und Krankenhäusern."

Gelernt habe man, so Kuschnerus, welche Möglichkeiten digitale Techniken böten, aber man habe auch deren Grenzen erfahren, dort wo Begegnung besonders notwendig ist und Einsamkeit die Menschen belastet. Das gelte Z.B. für Jugendliche, die in persönlichen Übergangszeiten leben: "Für sie  bedeutet die Corona-Situation eine zusätzliche psychische Belastung, die mit Zukunftsangst, der Unsicherheit im Blick auf Schule und  Ausbildung und mangelnden Alternativen zum häuslichen Bereich verbunden sein kann. Zudem standen mancherorts Jugendliche besonders in Verdacht, Schutzregeln zu brechen." Auch die Frauen seien überdurchschnittlich von der Pandemie betroffen, so Kuschnerus, "Häusliche Pflege, Kinderbetreuung und Hausarbeit wurden schon vor der Corona-Pandemie überwiegend von Frauen geleistet. In der Corona-Krise verschärfte sich das Ungleichgewicht. Die häusliche Gewalt gegen Frauen nahm zu."

Auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen seien durch Corona häufig noch mehr belastet: "Das Tragen von Masken – eine wichtige Schutzmaßnahme – führt bei Gehörlosen zu einem Verlust an Selbstständigkeit, weil sie nicht mehr vom Mund ablesen können".  Die Schere zwischen Arm und Reich sei in der Pandemie noch deutlicher geworden und wie sehr die Gesellschaft  in den unterschiedlichen Berufen und Lebenssituationen aufeinander angewiesen sei. "Unterschiedliche Gemeinden und Einrichtungen sprechen unterschiedliche Gruppen und Milieus von Menschen an und erreichen sie in verschiedenen Lebenslagen. So machen uns Einrichtungen wie die Polizei- und Notfallseelsorge, die Krankenhaus- und Altenheimseelsorge als Kirche auf die Arbeiterinnen und Arbeiter an den Nachtseiten des Lebens  aufmerksam, zum Beispiel auf die Situation von Pflegekräften und Polizist*innen. Hier kann die Kirche viel lernen."

"Freie Fahrt für freie Bürger" oder die Freiheit eines Christenmenschen?

Die Corona-Pandemie, aber auch andere Anlässe machten deutlich, so der Schriftführer, wie leicht es in Zeiten entgrenzter digitaler Kommunikationsmedien, angesichts ihres Tempos und der Reichweite, sei, Hassbotschaften, Verschwörungsideologien und Falschmeldungen zu verbreiten. Themen wie Flucht, Klimawandel, Homosexualität und Gender stünden hier hoch im Kurs, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, sexistische Beleidigungen und Gewaltandrohungen stünden auf der Tagesordnung. Hassreden zielten darauf, so schließt sich Kuschnerus dem Ergebnis kommunikationstheoretischer Untersuchungen an,  Themen zu tabuisieren und abweichende Positionen zum Schweigen zu bringen.

Der Schriftführer betont,  dass auch die Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit der Bremischen Evangelischen Kirche keinen „Freibrief“ für Hassäußerungen darstelle, "denn zu der Schädigung der von Hassäußerungen Betroffenen kommt hinzu, dass  die Akzeptanz der Kirche und ihrer Botschaft in Frage gestellt wird."

Theologische Reflexion zur Corona-Pandemie

In seiner theologischen Reflexion beschreibt Kuschnerus die Bedeutung von Freiheit im Protestantismus, der sich in der Reformation gegen katholische Fürsten und den Klerus für  die Meinungs- und Religionsfreiheit einsetzte. Grundlage war die in jener Epoche gewachsene Vorstellung vom selbstständigen, unabhängigen Denken und einem selbstverantworteten Leben des Menschen vor Gott.

Christliche Freiheit, so Kuschnerus, bedeute, dass, wer sich bei ethisch relevanten Entscheidungen auf die Bibel beziehe, auch dann für seine Haltung und Äußerungen verantwortlich sei. "Es geht ja -- folgt man der christlichen Freiheit – nicht darum, die eigene religiöse Gesinnung unter Beweis zu stellen, sondern ausschließlich um Fragen zur Sache, z.B. wie die Not von Menschen auf der Flucht gelindert werden kann. Die ethischen Fragestellungen, die sich aus Themen des Klimawandels, der Biotechnologie, der Digitalisierung, globalisierter Ökonomie usw. ergeben, bedürfen des Wissens und eines kritischen Urteilsvermögens."

Evangelische Freiheit bedeute: "Christenmenschen sind frei und verantwortlich. ... Jeweils an ihren Orten und in ihren Berufen sind Christenmenschen aufgefordert, sich miteinander und mit anderen darüber zu verständigen, was im Sinne der Liebe in sachgemäßer Weise jeweils das Richtige ist."

Eine deutliche Absage erteilt Bernd Kuschnerus Vorstellungen, bei der Corona-Pandemie handele es sich um ein Gericht Gottes. Angesichts dieser Krise sei die Rede von einem richtenden, strafenden, zornigen, plagenden oder tötenden Gott unangemessen. "Wie immer Betroffene selbst mit ihrem Leid umgehen -- deutet man ihnen ihre Erkrankungen, ihre Trauer um Verstorbene und ihre Einsamkeit im Pflegebett als 'göttliche Strafaktion', drohen seelsorgliche Abgründe."

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