Mittwoch, 17. November 2021

"Alles wieder gut?" -Predigt von Edda Bosse im Radiogottesdienst

Am diesjährigen Buß – und Bettag predigte die Präsidentin der Bremischen Evangelichen Kirche im Radiogottesdienst auf Bremen Zwei, der aus der Kirche Unser Lieben Frauen übertragen wurde. Hier die Predigt zum Nachlesen.

Der Gott des Friedens sei mit uns Allen, Amen.
Liebe Gemeinde, Liebe Hörerinnen und Hörer,

„Wird alles wieder gut?“ Hören Sie sich selber als Kind diese Frage stellen? Ich erinnere mich als Fünfjährige auf dem Schoß meiner Mutter sitzend. Ich war wieder zu schnell gelaufen, auf dem Kiesweg hingeknallt, die Knie bluteten. Lautes Geschrei, Tränenbäche. Meine Mutter tupfte die  Wunden ab, wiegte mich sanft hin- und her und sang dabei:

„Heile, Heile Segen, drei Tage Regen, drei Tage Sonnenschein, wird alles wieder besser sein.“  „Sana, sana, culito de rana; si non sanas noy, sanarás manana. Heile heile  Froschpopöchen; heilt es nicht heute, so heilt es doch morgen“, hörte ich meine spanische Schwiegertochter neulich singen. Das Laufrad war schneller gewesen als der Vierjährige. Es wurde sehr bald wieder gut mit mir und mit meinem Enkel auch. Ein Pflaster auf die Wunden, ein Kuss auf die Wangen, weiter ging das Leben.

Ach, wenn es doch auch jetzt so einfach wäre. Wenn es doch möglich wäre, der Pandemie einfach ein Pflaster aufzukleben, sie weg zu singen und den gewohnten Alltag wieder aufzunehmen. Wir waren es ja vor Corona nicht gewohnt, so ausgebremst, so durchgeschüttelt zu werden in unserem ganzen Dasein. Wir haben vom Ebolafieber gehört, an dessen Folgen bis zu 90% Prozent der Erkrankten sterben. Die Bilder aus Afrika sind uns noch vor Augen. Wir haben vom Zikavirus gehört, das vor allem für Schwangere höchst gefährlich ist. In mehreren Ländern Südamerikas ist es äußerst präsent. Ist uns eigentlich klar, dass wir bisher nie so betroffen waren, wie Andere in der Welt? Dass es uns eigentlich bisher ziemlich gut gegangen ist?  Bis zum Januar 2020 war uns nichts wirklich so nahe gekommen, als dass wir uns  eine allgemeine Gefährdung, ja einen gesellschaftlichen Stillstand hätten vorstellen können. Nun ist es auch bei uns passiert.  Aber mit wissenschaftlicher Kompetenz, mit Forschern, die alles daran setzten, einen passenden Impfstoff zu finden, mit  Geld und solidarischem Handeln, sind wir der Pandemie entgegen getreten und haben viel heilsames erreicht. Liegt es nun hinter uns? Leider nein, muss konstatiert werden. Aus der großen Erleichterung, die noch Ende August herrschte und Tür und Tor für Feste, Reisen, Begegnungen und Schule ohne Einschränkungen öffnete, ist eine kleine Flamme der Hoffnung geworden. Wann endlich wird alles wieder gut? Für manche Menschen, Liebe Gemeinde, Liebe Zuhörende, wird gar nichts wieder gut werden. Auch wenn die letzte Maske im Müll entsorgt ist, wir nicht mehr über 2 oder 3-G streiten und die ersehnte Umarmung nicht mit einem „Darf ich?“ erfragt werden muss. Mehr als 97.600 Menschen sind in unserem Land an Covid gestorben. Mehr als 97.600 Mal Trauer und Verlust. Unwiederbringlich ist eine Mutter, ein Vater, ein Kind, sind gute Freunde oder Nachbarn dahingegangen. Andere haben  Langzeitfolgen  dieser gefährlichen Krankheit zu ertragen. Können nicht arbeiten, keinen Sport machen, nicht verreisen. Wird alles wieder gut? Das ist auch eine Frage an uns Christen. Können wir Hoffnungsträger- und trägerinnen, Emutiger und Ermutigerinnen, Trösterinnen und Tröster sein? „Ein geängstigtes, zerschlagenes Herz wirst Du, Gott, nicht verachten, “ steht in Psalm 51. In den Psalmen, die wir in unseren Gottesdiensten – oft im Wechsel – miteinander sprechen, wenden sich die Menschen mit all ihren Gefühlen an Gott. Da gibt es die fröhlichen Psalmen, die von Zuversicht und Glück, von Lob und Dank erfüllt sind. Und da sind die ganz anderen, die Psalmen, in denen geschrien und gehadert wird.   Verzweifelt und aufgelöst, in Tränen und ohnmächtiger Wut, in Angst und Trauer, fragend und klagend wendet sich der Mensch an Gott:  „Wo bist Du?“ Und: „Wer bist Du“?  Oft kehrt nach diesen herausgeschleuderten Sätzen eine Stille ein. Man spürt, dass es dem Betenden gut getan hat, einmal alles loszuwerden, dem Gemüt Luft zu machen, das Innerste nach Außen zu kehren. Einmal Gott alles hinwerfen, ihm das „geängstigte und zerschlagene Herz“ offenbaren.  Wie weiter leben? Nicht nur mit den Folgen der Pandemie. Die gefährdete Schöpfung bedrückt uns, Gott, Dein Werk, dass Du uns anvertraut hast, in seiner Vielfalt, in seiner Schönheit. Uns bedrückt die Verantwortung für die nächsten Generationen. Die Erde erstickt an den von uns verursachten Emissionen.  Und Gott schweigt, denken wir. Oder überhören wir einfach seine Antworten, vor lauter Anspannung, vor lauter Erwartungshaltung?  Denn in unseren Köpfen ist die Reaktion doch eigentlich  bereits vorbereitet, nicht wahr? Er gibt mir dass, was ich hören will und ich „ like“ das dann. Nicht so in den Psalmen. „Aus der Tiefe rufe ich Herr zu Dir/ Herr höre meine Stimme…“ hört man die Beterin, den Beter mit Inbrunst sagen. Leuchtet da schon die Hoffnung all derer auf, denen zugesagt ist, dass sie nie tiefer fallen können als in Gottes Hand? Gottes Antworten kommen aus der Stille, die einkehrt, wenn die Ängste ausgesprochen, die Empörungen formuliert, die Enttäuschung  zugegeben ist.  Das zerschlagene Herz wird nicht verachtet, sondern gestärkt.  Die rufende Stimme geht nicht unter, sie wird ein Echo haben. Die Frage „Warum“? verwandelt sich in ein Gespräch. Der heutige Buß- und Bettag ist ein guter Tag für das Gespräch mit Gott. Es geht nicht um das abbüßen der eigenen Unzulänglichkeit, überhaupt nicht. Dieser Tag bietet die Chance mit sich, den eigenen Sorgen und Fragen ins Gespräch zu gehen und sie Gott anzuvertrauen. Die Wünsche und Träume auszusprechen und mutig auf ihre Machbarkeit zu prüfen. Die alten Lasten abzulegen, sich selbst und anderen, die in unserer Schuld stehen, zu verzeihen. Versöhnung zu üben. Jeremias berichtet in seinen Klageliedern im Alten Testament  von einer Gottesbegegnung so: „Du nahtest Dich zu mir, als ich Dich anrief und sprachst: Fürchte Dich nicht.“ (Klagelieder 3,57).  Gott ist erreichbar, gerade in Zeiten, in denen wir unsicher sind, in denen alles so zerbrechlich erscheint.

Liebe Gemeinde, Liebe Zuhörende, der Bußtag ist auch ein Bettag. Ist beten unmodern? Es wird mehr getwittert, pepostet und auf facebook gepackt als gebetet, klar. Ich bekenne mich zum Gebet. Das tägliche ganz- bei- mir und ganz- von- mir- weg- sein, tut gut. Und die Fürbitten, die wir in unseren Gottesdiensten sprechen, sind ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Christseins. Sie sind die Brücke, die uns von uns selbst weg und hin zu den anderen trägt. Zu den Geflüchteten in Belarus an der Grenze zu Polen, zu den Schwerstkranken auf den Intensivstationen, zu den Ärzten, Ärztinnen, Pflegerinnen und Pflegern, zu den Kindern, die leiden: an Hunger, an Krankheit, an Missbrauch, Gewalt und traumatischen Erfahrungen. Liebe Gemeinde und Liebe Zuhörer und Zuhörerinnen: Ein Raum, der sich mit Gebeten füllt, wird immer im Widerstand gegen die Räume sein, in denen sich Hass, Bösartigkeit und Hetze ausbreiten.

Wird alles wieder gut? Das kleine Lied vom Anfang sei noch einmal in Erinnerung gerufen: „Heile, heile Segen.“ Ja, es spricht von Segen. Auch  das kaputte Knie  bedarf des Segens, damit es gut heilen kann. Damit vieles wieder gut wird müssen wir guten Mutes sein, tatkräftig, flexibel und solidarisch. Vieles zum Guten liegt in unserer Hand und im gemeinschaftlichen Handeln, das von Zukunftsweisenden Ideen und Rücksichtnahme geprägt  sein sollte. Wir Christen erbitten uns zu all dem Gottes Segen. Wir wissen, dass wir es nicht nur allein schaffen können. Wir beziehen Kraft und Zuversicht aus Gottes Segen. Darauf hoffen wir.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.