Montag, 21. Dezember 2020

„Ich habe den Eindruck, viele Leute platzen gerade“

Hochbetrieb bei der TelefonSeelsorge: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind für alle auf die eine oder andere Weise deutlich zu spüren. Quarantäne, Homeschooling, Kontaktbeschränkungen, Einsamkeit, häusliche Konflikte oder schlichtweg Angst vor einer Infektion wirken sich auf das psychische Wohlergehen aus. Und jetzt auch noch der Shutdown.

In kaum einem anderen Bereich werden die Belastungen und der Kummer so deutlich erkennbar wie in der TelefonSeelsorge. Rund um die Uhr, 365 Tage pro Jahr ist sie kostenlos erreichbar. Jetzt zum Jahreswechsel zieht der Leiter der Bremer TelefonSeelsorge, Pastor Peter Brockmann, Bilanz: Bis Jahresende werden es 14.400 Telefonate sein, das ist seit Ausbruch der Pandemie eine Steigerungsrate um 22,5 Prozent. Dabei ging es in der überwiegenden Zahl der Gespräche um Corona.

„Viele Anrufende berichten von Symptomen wie Angst, körperlichen Beschwerden oder einer depressiven Grundstimmung“ berichtet Brockmann. „Und natürlich kommen durch die Schließungen und die Kurzarbeit finanzielle oder sogar existenzielle Ängste hinzu.“ Jüngere leiden nach Erfahrungen der TelefonSeelsorge vor allem unter dem Homeschooling oder den Beschränkungen für die berufliche Weiterentwicklung, weil z.B. Studienvorhaben im Ausland geplatzt sind. Sie vermissen ihre Freunde und die gewohnten Freizeitaktivitäten und berichten vermehrt von häuslichen Konflikten. „Bei den Älteren ist die Einsamkeit das Megathema, weil der Schutz der Risiskogruppen für viele eine totale Isolation bedeutet. Und wenn dann noch ohnehin vorhandene psychische Probleme, Verlust des Partners oder Konflikte mit den Kindern hinzukommen, dann ist die Not groß“, so Brockmann weiter.

Der Pastor berichtet, dass auch manche Ehrenamtliche der TelefonSeelsorge am Limit seien. „Ich habe den Eindruck, viele Leute platzen gerade“, sei der Kommentar einer durchaus beratungserfahrenen Mitarbeiterin gewesen, die im Augenblick viel Zeit und Kraft zur Verfügung stellt. „Angststörungen und Depressivität bis hin zu Suizidalität erleben die Kolleginnen und Kollegen derzeit in der Tat in einer Intensität, die neu für uns ist“, so Peter Brockmann.

Die TelefonSeelsorge Bremen hat rund 70 ehrenamtlich Mitarbeitende. Unter der Rufnummer 0800-111-0-111 ist sie auch an den Feiertagen rund um die Uhr erreichbar.