Freitag, 07. Januar 2022

„Finanzielle und existenzielle Ängste boomen" - TelefonSeelsorge legt Statistik 2021 vor

Weihnachtsfest und Jahreswechsel führen zu Hochbetrieb bei der TelefonSeelsorge: Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind nach wie vor deutlich zu spüren. Quarantäne, Kontaktbeschränkungen, Einsamkeit, häusliche Konflikte oder schlichtweg Angst, um die wirtschaftliche Existenz wirken sich auf das psychische Wohlergehen aus.

In kaum einem anderen Bereich waren die Belastungen und der Kummer im vergangenen Jahr so deutlich erkennbar wie in der TelefonSeelsorge. Rund um die Uhr, 365 Tage pro Jahr ist sie kostenlos erreichbar. Zum Jahreswechsel hat der Leiter der Bremer TelefonSeelsorge, Pastor Peter Brockmann, Bilanz gezogen und die Statistik 2021 vorgelegt: Bis Jahresende waren es in Bremen 11.840 Telefonate. Das sind zwar 8 Prozent weniger als im Jahr 2020. Aber das Jahr des Ausbruchs der Pandemie hatte auch eine Steigerungsrate um 22,5 Prozent mit sich gebracht. Insofern bleibt die Zahl der Telefonate weiterhin auf einem sehr hohen Niveau.

Die Top-Themen sind Einsamkeit und Isolation mit 22,53 Prozent der Anrufe. Das ist auch nicht überraschend, sind doch 6.435 und damit 66,4 Prozent aller Anrufenden alleinlebend. Dicht gefolgt wird dieses Thema von Gesprächen über körperliches Befinden mit 19,38 Prozent und depressive Stimmung der Anrufenden mit 18,51 Prozent. 2.913 Anrufende, 30 Prozent, gaben an, sie würden an einer psychischen Erkrankung leiden. In 813 Gesprächen spielten Suizid-Gedanken eine Rolle. Auch familiäre Beziehungen sind mit 14,32 Prozent oft Thema. Corona ist mit 12,35 Prozent etwas in den Hintergrund getreten, ebenso Stress und Erschöpfung mit 11,52%

„Im Austausch mit unseren ehrenamtlich Mitarbeitenden verfolgen wir die gesellschaftlichen Entwicklungen sehr aufmerksam, denn nur wenn wir verstehen, was die Menschen bewegt, können wir flexibel auf die Anliegen der Anruferinnen und Anrufer eingehen“, fasst Leiter Pastor Peter Brockmann, die Herausforderungen für die TelefonSeelsorge zusammen. „Es wird eine spannende Frage, ob sich die Veränderungen durch die Pandemie verstetigen werden. Bei unserem Kernthema Einsamkeit nehmen wir ihren Einfluss seit der ersten Welle deutlich wahr. Natürlich boomen durch die Schließungen und die Kurzarbeit finanzielle oder sogar existenzielle Ängste.“  Und bei den Älteren sei durch die Corona-Schutzmaßnahmen die Einsamkeit das Megathema. "Wenn dann noch ohnehin vorhandene psychische oder familiäre Probleme hinzukommen oder Konflikte mit den Kindern, dann ist die Not groß“, so Brockmann weiter.

Auch die Ehrenamtlichen der TelefonSeelsorge stehen momentan unter Strom. „Deshalb ist es so wichtig, dass wir Ihnen die Möglichkeit geben, die Geschichten und Nöte hinter den Anrufen zu be- und zu verarbeiten", hebt Peter Brockmann hervor. „Angststörungen und Depressivität bis hin zu Suizidalität erleben die Kolleginnen und Kollegen derzeit in einer neuen Intensität. Das geht nicht spurlos an einem vorüber. Darum nehmen wir Supervision und Austausch sehr ernst."

Die TelefonSeelsorge Bremen hat 69 speziell geschulte ehrenamtlich Mitarbeitende, 54 Frauen und 15 Männer. Unter der Rufnummer 0800-111-0-111 ist sie rund um die Uhr, auch an Feiertagen, erreichbar.