Kirchentag diskutiert neue Verfassung

Im Licht des Evangeliums

Die aus dem Jahr 1920 stammende Verfassung der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) soll erneuert und zeitgemäß gestaltet werden. Die Entwicklung des Verfassungswerkes soll den Übergang von einer knappen Vereinssatzung zu einer modernen Kirchenverfassung markieren.

Der vom Kirchenparlament im Mai 2017 beauftragte Entwurf für eine mögliche neue Verfassung wurde in einem breit angelegten Beteiligungsprozess diskutiert. Alle Gemeinden und gesamtkirchlichen Einrichtungen sowie alle Haupt- und Ehrenamtlichen waren aufgerufen, dem Kirchenausschuss ihre Stellungnahmen zukommen zu lassen. Jetzt liegt der Entwurf in einer überarbeiteten Fassung vom Oktober 2020 vor. Nach einer pandemiebedingten Pause wurde die Diskussion nun fortgesetzt. Eine Beschlussfassung war noch nicht vorgesehen.

Die vorliegende Fassung regelt ausführlich die Rechte und Pflichten der Kirchenmitglieder, der Gemeinden und gesamtkirchlichen Einrichtungen, die Rolle der Diakonie sowie die Aufgaben des Kirchenausschusses (KA), des Kirchentages und anderer Gremien.

Eckpunkte des Entwurfs

Eine moderne Verfassung muss auch die heute üblichen kirchlichen Arbeitsfelder in Diakonie, Seelsorge und Beratung, Bildung und Kultur abbilden sowie die Vielfalt kirchlichen Lebens oder  Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit. Finanzverwaltung und Wirtschaftsführung sollen ebenso geregelt sein wie die kirchliche Gerichtsbarkeit durch ein Verfassungs- und Verwaltungsgericht sowie ein Disziplinargericht. Für diese und andere unverzichtbaren Aspekte kirchlicher Arbeit soll es eine Verfassungsgrundlage geben.

Was das Wesen einer Gemeinde oder der Gesamtkirche ausmacht, nach welchen Prinzipien Leitung oder Aufgabenteilung erfolgen sollen, wie Kooperation gelingen kann – das alles wurde in der Verfassung von 1920 nicht behandelt und soll nun beschrieben werden.

Der Kirchentag hat folgende Schwerpunkte diskutiert:

  1. Die bislang geltende Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit der Gemeinden soll weiter gewährleistet sein.
  2. Der Minderheitenschutz soll erhalten bleiben.
  3. Es gibt zwar einen rechtlichen Rahmen für Gemeindeordnungen, aber ihr Vielfalt bleibt erhalten.
  4. Die Leitungsstruktur auf gesamtkirchlicher Ebene soll professionalisiert werden.
  5. Für die Beteiligung junger Menschen sollen Quoten festgelegt werden.


Für einige Leitungsämter sollen neue Bezeichnungen eingeführt werden:

  • Präsident/in → Präses
  • Vizepräsident/in → Vizepräses
  • Schriftführer/in → Kirchenpräsident/in - soll für zehn anstatt bisher sechs Jahre gewählt werden
  • Schatzmeister/in - nicht mehr ehrenamtliche, sondern hauptamtliche Tätigkeit; soll wie bisher gewählt werden, aber für zehn anstatt sechs Jahre
  • Leiter der Kirchenkanzlei → Juristische/r Vizepräsident/in - soll  für eine Amtszeit von zehn Jahren gewählt werden und dem Vorstand des Kirchenauschusses angehörden. Eine Wiederwahl ist zulässig.

Auch die künftigen Bezeichnungen der Leitungsämter wurden engagiert diskutiert. In einem ersten Meinungsbild bezeichneten zwei Drittel der Delegierten den Titel „Schriftführer“ als nicht mehr zeitgemäß.

Schriftführer Pastor Bernd Kuschnerus führte aus, dass die Anregungen zur stärkeren Beteilung junger Menschen im vorliegenden Entwurf aufgegriffen wurden, ebenso der Minderheitenschutz. Auch die Eigenständigkeit und die Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit der Gemeinden würden weiter gewährleistet. Zukünftig soll sich der Kirchentag mit allen Themen befassen können und Debatten führen. Auch die Beschreitung des Rechtsweges vor einem Kirchengericht soll nun offen stehen.

Lange tauschten die Delegierten sich über Haupt- und Ehrenamtlichkeit von Leitungsämtern aus. Der Verfassungsentwurf orientiert sich an der Erkenntnis, dass ein komplexe Institution wie die BEK, mit einem Jahresumsatz von 120 Mio Euro und 2.300 hauptamtlich Beschäftigten transparente, hauptamtliche Leitungstrukturen braucht. Die bisherige Verfassung hat viele Vorgänge nicht geregelt und es sind Hilfsstrukturen gewachsen, die nicht mehr zeitgemäß sind.

Es gehe, so führte Vizepräsident Martin Franzius aus, nicht um einen Abschied vom Ehrenamt, sondern um seine Stärkung, indem man den ehrenamtlich Aktiven keine heute nicht mehr leistbaren Aufgaben aufbürdet. „Wir wünschen uns ein gemeinsames Leitungshandeln zwischen Ehren- und Hauptamtlichen auf Augenhöhe“, so  Franzius.

Zur stärkeren Beteiligung der Jugend wird ein künftiges Quorum von 10 Jugenddelegierten vorgeschlagen. Ferner sollen mindestens fünf der Einzelmitglieder des Kirchentages zum Zeitpunkt der Wahl nicht älter als 35 Jahre sein. Auch die Gemeinden werden aufgefordert, mehr junge Menschen in den Kirchentag zu entsenden. "20 Prozent aller Mitglieder sind jünger als 27 Jahre", führte KA-Mitglied Dorina Diesing aus. "Es geht um eine stärkere Bindung junger Menschen an die Kirche, indem man ihnen mehr Mitwirkung und Beteiligung an Gremien ermöglicht."

Der vorliegende Entwurf wird nun vor dem Hintergrund der Diskussion überarbeitet. Eine erste Lesung der neuen Verfassung wird nicht wie geplant im Herbst 2021 sondern frühestens im Mai 2022 erfolgen. Für die Beschlussfassung ist dann eine Dreiviertel-Mehrheit der anwesenden Delegierten erforderlich.

Historischer Rückblick

Die aktuell gültige Verfassung stammt aus dem Jahr 1920 und ist sehr kurz gefasst. Eine Präambel und 17 Paragraphen waren damals eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, auf den sich die Gemeinschaft selbstständiger bremischer Gemeinden einigen konnte. In der rund 100-jährigen Verfassungsgeschichte gab es nur kleinere Änderungen, denn die Hürden dafür sind hoch. Seit 1920 haben sich Stadt und Kirche jedoch grundlegend verändert. Das Lebensgefühl war nach Ende des Kaiserreiches ein anderes: Die meisten Menschen waren selbstverständlich Kirchenmitglied, Amtshandlungen und regelmäßiger Gottesdienstbesuch gehörten zu ihrem Alltag. Es gab weder Seelsorge- und Beratungseinrichtungen noch evangelische Kitas, ein Bildungswerk oder eine Kulturkirche. Kirchliches Leben spielte sich ausschließlich in den Gemeinden ab, deshalb tauchen nur sie in der Verfassung auf, und viele entscheidende Kennzeichen der heutigen Kirche kommen in der geltenden Verfassung nicht vor, etwa das Engagement Ehrenamtlicher sowie die die gesamtkirchlichen Arbeitsfelder. Auch war das Gebilde „Bremische Evangelische Kirche“ damals noch recht fragil, so dass man sich scheute, Aussagen zu Spiritualität, Bekenntnis und Glaubenstradition in dem Dokument zu verankern. So liest es sich kurz, knapp und formelhaft, wie eine Vereinssatzung.

Die Themen heute:

  1. Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit der Gemeinden
  2. Minderheitenschutz
  3. Vielfalt der Gemeindeordnungen
  4. Leitungsämter
  5. Beteiligung junger Menschen

„Die unantastbare Grundlage der
Bremischen Evangelischen Kirche
ist das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Heiligen Schrift bezeugt und in den Bekenntnissen der Reformation neu ans Licht getreten ist.“

(Präambel der Bremer Kirchenverfassung von 1920)

Die bisherige Diskussion

Projekt Verfassung