Erster evangelischer Prediger in Bremen

Heinrich von Zütphen

Von Wittenberg breitete sich die Reformation wie ein Lauffeuer in Europa aus. In vielen Städten gab es berühmte Theologen und Prediger, die im Sinne Martin Luthers den Glauben verkündigten. In Bremen war dies Heinrich von Zütphen, der vor 500 Jahren, am 9. November 1522 die erste evangelische Predigt an der Weser hielt.

Heinrich wird ein Reformator

Der Reformator Bremens, der Augustinermönch und Prior Heinrich von Zütphen (um 1488-1524) kam 1522 als Flüchtling aus den Niederlanden nach Bremen. 1488 in Zutphen, einer Hansestadt in der Nähe von Deventer, geboren, war er in jungen Jahren in die sächsisch-thüringische Kongregation der reformierten Augustiner-Eremiten eingetreten. In den Niederlanden herrschte zu dieser Zeit ein freier Geist. Die Wissenschaften blühten, die Mönchsorden diskutierten Reformen und Erasmus wirkte in Rotterdam als einer der größten Humanisten seiner Zeit. Aufgrund der engen Beziehungen der niederländischen Augustiner nach Wittenberg nahm Heinrich von Zütphen 1508, 20jährig, das Studium in Wittenberg auf.

Nach einer Zwischenetappe als stellvertretender Prior des Augustinerklosters in Köln kehrte er 1515 als Prior in den Augustinerkonvent in Dordrecht zurück. Ab 1517 setzte er sich dort, inspiriert von den 95 Thesen Luthers, in seinem Augustinerorden und in Dordrecht für reformatorische Positionen ein. Doch die Gegenwehr wurde zu groß. Heinrich legte das Amt des Priors nieder und ging 1520 erneut zum Studium nach Wittenberg. Hier erlebte er die aufregenden Ereignisse des Bekanntwerdens der päpstlichen Bannandrohungsbulle und ihre Verbrennung durch Luther vor dem Elstertor.

Die Verfolgungen durch die Inquisition beginnen

Als er von Verfolgungen seiner Glaubensbrüder in den Niederlanden hörte, sah er sich 1522 berufen, ihnen unterstützend zur Seite zu stehen. Er kehrte als Nachfolger des verhafteten und geflüchteten Priors des Antwerpener Augustinerklosters Jacob Probst in die Niederlande zurück. Die Statthalterin der Niederlande, Margarete, die Tante des streng katholischen Karl des V., bekämpfte den Protestantismus vehement. Bereits 1521 und 1522 verbrannte man in Antwerpen Luthers Schriften. In Brüssel herrschte die Inquisition, betrieben von einem radikalen Gegner der Reformation, dem Päpstlichen Nuntius Aleander, der am liebsten „ein halbes Dutzend Lutheraner lebendig verbrennen“ wollte. Nach einer Glaubensuntersuchung im Augustinerkloster landeten zwei Brüder, Heinrich Voss und Johann von Essen durch die Inquisition auf dem Scheiterhaufen. Es waren die ersten Opfer der Reformation. Jacob Probst konnte diesem Schicksal nur durch Widerruf entfliehen. Erasmus hatte sich nach Basel in Sicherheit gebracht. Dürer war 1521 nach Deutschland zurückgekehrt.

Auch von Zütphen, der öffentlich in Predigten die Reformation propagierte, wurde der Ketzerei beschuldigt. Er wurde gewaltsam gefangen genommen und sollte ebenfalls vor die Inquisition in Brüssel kommen. Dies empörte die Antwerpener Bevölkerung. Es kam zum Volksaufruhr, an dem mehr als 300 Frauen beteiligt waren. In einem Brief beschrieb er später die Ereignisse: "Da, am Abend, nach Sonnenuntergang, brachen in das Kloster, wo ich gefangen saß, einige tausend Weiber ein; die Männer eilten auch herbei, sie rissen die Türen aus, holten mich heraus und brachten mich wieder zu meinen Klosterbrüdern.“ Der Gefangene wurde befreit. Die Anführerinnen der Befreiung wurden gefangen genommen, das Augustinerkloster aufgelöst und zahlreiche Glaubensbrüder inhaftiert. Zütphens Leben war bedroht, und es blieb ihm nur die Flucht aus den Niederlanden.

Denn in Bremen brodelte es seit geraumer Zeit und die „altgläubige“ Kirche stand immer mehr in der Kritik.

Heinrich flieht nach Bremen

Verfolgt von der Inquisition, per Steckbrief gesucht, angehalten und verhört, gelangte er auf seinem Weg nach Wittenberg über die nördlichen Niederlande und Osnabrück nach Bremen. Dort baten ihn Bremer Bürger, die in Wittenberg mit ihm studiert hatten, um die evangelische Verkündigung. Denn in Bremen brodelte es seit geraumer Zeit und die „altgläubige“ Kirche stand immer mehr in der Kritik: Das viele Geld, dass durch die Ablasspraxis nach Rom floss, die alleinige geistliche Gerichtsbarkeit durch das Erzbistum, die Abgaben- und Steuerfreiheit der Kleriker. Die geistlichen Privilegien standen wie andernorts auch hier auf dem Prüfstand. Als ruchbar wurde, dass trotz des Verbots wieder einmal sechzehn Tonnen hamburgisches Bier eingeführt und verkauft worden waren, brach ein Tumult aus.

Heinrich hält die erste evangelische Predigt in Bremen

In dieser angespannten Situation kamen geistliche Argumente für einen Wandel der Kirche durchaus recht. Heinrich von Zütphen predigte erstmals am 9. November 1522 in der St. Ansgarii-Kirche, zunächst wohl in einer Seitenkapelle neben dem Hochchor, der später so benannten Zütphenkapelle. Spätere Legenden schmückten dies bildlich aus und berichteten, dass „die Leute mit den Leitern an das Dach der Kirche gestiegen“ seien, um ihn zu hören. „Eine Kirche, die die Werke des Fleisches tut", so wetterte Bruder Heinrich, "sich in Zeremonien erschöpft, im Reichtum lebt, mit militärischer Gewalt Herrschaft ausübt, hat die wahre apostolische Kirche in ihr Gegenteil verkehrt, die libertas christiana ist in Tyrannei umgeschlagen." Die Bischöfe, so verkündete er, "sind Diebe, Banditen, Mörder und Ölverkäufer, die die geistlichen Güter entgegen der Anordnung Jesu nicht umsonst weitergeben, sondern verkaufen.“ Die Predigten überzeugten immer mehr Stiftsherren, Priester und Kapläne von der neuen Lehre. Nur die Mönche des Franziskaner- und Dominikanerklosters traten in Kampfpredigten gegen Bruder Heinrich für die alte Lehre ein.

Die Bremer schreiten vorwärts im Worte.

Martin Luther, 1524

Martin Luther, 1524

Aufgrund des großen Zulaufs wurde Heinrich von Zütphen alsbald gebeten, länger in Bremen zu bleiben. 1524 stellte sich der Rat in aller Öffentlichkeit hinter von Zütphen. „Die Predigt des Wortes Gottes ist frei, dagegen können keine Rechtssetzungen … angezogen werden“, hieß es. Die Gegner der Reformation im Dominikanerkloster wurden der Stadt verwiesen. Nachdem die Bürger weitere evangelische Prediger gefordert hatten, bezog Zütphens Kollege und Freund Jacob Probst, bereits verheiratet, die Pfarrstelle an Unser Lieben Frau.

Die Predigt des Wortes Gottes ist frei.

Rat der Stadt Bremen, 1524

Rat der Stadt Bremen, 1524

1524: Heinrich von Zütphen wird grausam ermordet

Ende des Jahres ereilte Heinrich von Zütphen ein Hilferuf des Kirchherrn Boie aus Meldorf im westlichen Schleswig-Holstein, er möge in Dithmarschen das Evangelium predigen. Heinrich empfand dies als Gottes Ruf. Heimlich verließ er Bremen, nachdem er seine Kutte gegen weltliche Kleidung getauscht hatte, und reiste über Bremervörde und Neuhaus nach Brunsbüttel in Dithmarschen. „Unter großem Andrang des Volkes predigte er in Meldorf, obwohl der dortige Dominikaner-Prior Tomborch seine Predigt unter allen Umständen verhindern wollte.“ Da Tomborch bei der Obrigkeit nichts ausrichten konnte, beschloss er mit anderen Mönchen, Heinrich von Zütphen nachts zu überfallen und zu verbrennen. Der Vorsatz wurde am 9. Dezember 1524 ausgeführt. „Mit gedungenen Leuten, die trunken gemacht waren, wurde die Pfarre überfallen und geplündert. Boie wurde schwer misshandelt und Heinrich nach Heide fortgetrieben, nachdem man seine Hände an den Schwanz eines Pferdes gebunden hatte.“ Am Folgetag wurde Heinrich misshandelt, erschlagen und dann ins Feuer geworfen. „Da der Leichnam nicht verbrannte, wurden am nächsten Tage Kopf, Hände und Füße abgeschnitten und verbrannt, der Rumpf aber unter Spottgesängen vergraben."

Tief erschüttert schreibt ein Freund an Luther: „Unser Heinrich, der unerschrockene Prediger von Gottes Wort, ist umgebracht und also zugrunde gegangen, als wäre ihm Gott nicht hold gewesen!“ Dieser schreibt im Januar 1525 „In Ditmarsen ist durch grausame Wut, unser Heinrich, der Evangelist von Bremen, getötet und verbrannt worden.“ Er schickte einen Trostbrief an die Bremer und mahnte sie zur Versöhnung. Später verfasste Luther eine „Historie von Bruder Heinrich von Zütphens Märtyrertode“, die ein Bestseller wurde und auch in plattdeutscher Sprache erschien.

Bannandrohungsbulle
Kirche St. Ansgarii

Recherche und Textgrundlage: Dr. Andrea Hauser