Sonntag, 19. Dezember 2021

Geistlicher Impuls: Schuhe

Geistlicher Impuls: Schuhe

In jedem Herbst beginnt das große Tauschspiel: die Sommerschuhe kommen in den Schrank, die Herbst- und Winterschuhe werden in die Garderobe gestellt. Bei manchen Schuhen fällt die Entscheidung leicht: Die Sandalen werde ich nun wirklich nicht mehr brauchen. Aber die Halbschuhe? Kommt nicht vielleicht doch ein milder November? Spätestens im Dezember wird dann nachjustiert, und auch die gefütterten Stiefel stehen griffbereit.

In diesem Jahr geht etwas Wehmut mit: Die schicken Schuhe mit leichtem Absatz habe ich nicht gebraucht, große Feste fanden kaum statt. Und die Tanzschuhe habe ich auch nicht gebraucht. Gar nicht. In diesen Monaten war Abstand angesagt. Auch die Turnschuhe blieben im Schrank: ReHa-Sport mit vielen unbekannten Menschen in einem Raum – das Risiko wollte ich nicht eingehen, um meiner Familie und enger Freunde willen. Dafür haben die Wanderschuhe echt Gebrauchsspuren bekommen! Wie oft bin ich an der Weser entlang gelaufen oder habe mich für Gespräche zu einem Spaziergang verabredet.

Ich habe Glück, dass ich mir meine Schuhe auswählen kann. Und ich lebe, wie so viele im Land, in sicheren Verhältnissen. Anders geht es denen, die an Grenzzäunen warten, ihre Schuhe haben sie oft schon viele Kilometer getragen und sind verschlissen. Anders geht es den Menschen, die den Einmarsch von Soldatenstiefeln erleben und nur ihr einfaches Schuhwerk entgegen zu setzen haben.

Beim Propheten Jesaja gibt es eine Verheißung: Der Friedefürst wird angekündigt. Jesaja schreibt: „Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“

Zur Weihnacht gedenken wir der Geburt Jesu. Jede Geburt ist ein neuer Anfang. Ein Kind kommt auf die Welt – ohne Schuhe. Seine Füße haben noch keine Gebrauchsspuren. Seine Wege sind noch offen. Gehen und laufen wird es erst noch lernen.

Auch im neuen Jahr sind unsere Wege noch ungewiss. Ich möchte mit dem Bewusstsein in diese Zeit gehen, dass ich oft wählen kann. Dass ich mit meinen Entscheidungen zum Frieden beitragen kann. Mit dem Vertrauen, dass das Kommen Gottes in die Welt uns zur Menschlichkeit beruft und befähigt.

Das Fest der Weihnacht ist das Fest der Anfänge. Mit dem Blick auf die nackten, unbenutzten Füße eines Neugeborenen gehen wir ins neue Jahr. Möge es ein Jahr sein, das auch uns immer wieder neue Anfänge ermöglicht. Und mögen die Wege, die wir darin gehen, behütet sein.

Susanne Kayser