Dienstag, 20. Juli 2021

Aktualisierte Meldung - Rätsel um Joachim Neanders Grab gelöst / Beigesetzt auf ULF Kirchhof

Joachim Neander wurde auf dem Kirchhof von ULF beigesetzt

„Hier ist ein Pastor vergessen. Joachim Neander“ – Was sich als Nachtrag in einer historischen Pastorenliste von St. Martini findet, könnte auch für die Bremische Neander-Rezeption im Allgemeinen gelten: Besonders viel Aufhebens wird um den Dichter des weltberühmten Lobe den Herren nicht gemacht. Als ich nach einer Aufführung der gleichnamigen Bach-Kantate im Herbst 2019 zufällig von Neanders Taufe in unserer Kirche hörte, konnte ich es zuerst kaum glauben. Also machte ich mich auf die Suche nach dem bisher unbekannten Tauftag, der sich durch Ausschlussverfahren auf die 2. Jahreshälfte 1650 datieren lässt. Das dazugehörige Taufbuch war allerdings schon im 19. Jahrhundert als vermisst gemeldet, ein nahezu hoffnungsloser Fall also.
 
Aber nun ließ mich Joachim Neander nicht mehr los. So stieß ich im Frühjahr dieses Jahres eher zufällig auf die Information, dass es seinerzeit bei Beerdigungen keinen „Parochialzwang“ gab: Sie mussten also nicht (anders als Taufen und Trauungen) in der eigenen Gemeinde erfolgen. Alle bisherigen Bio­graphen wussten von keiner Ruhestätte Neanders oder vermuteten sie in St. Martini, wo der Dichter das letzte Jahr seines Lebens lediglich als Hilfsprediger beschäftigt war. Doch da die Kircheneinnahmen auch damals schon eine Rolle spielten, lieferte mir die Dokumentation der Begräbnisgebühren den entscheidenden Hinweis. Diesen fand ich im Staatsarchiv auf einer von hunderten handgeschriebenen Karteikarten, auf denen Namen und Begräbnisorte aus einem historischen U.L.F.-Rechnungsbuch abgeschrieben waren. Bis zum endgültigen Beweis durch das originale Rechnungsbuch war es dann nur noch ein kleiner Schritt: 3. Juni 1680 – Joachimus Neander – 2 Taler.
 
Wer hätte gedacht, dass sich den Archiven auch nach fast dreieinhalb Jahrhunderten noch solche atemberaubenden Entdeckungen entlocken lassen? Der Fundort selbst ist eigentlich frei zugänglich und gar nicht so wahnsinnig spektakulär. Aber dass von den zahlreichen engagierten Neander-Forschern an dieser Stelle noch keiner gegraben hat, ist schon kurios. Nun können wir mit Freude behaupten, dass der Schöpfer des weltweit wohl meistgesungenen Kirchenliedes (der übrigens später zum Namengeber des Neandertalers* wurde) in Unser Lieben Frauen nicht nur getauft, sondern am 3. Juni 1680, drei Tage nach seinem Tod am Pfingstmontag, auf dem Friedhof neben der Kirche begraben wurde.
 
Die Überlieferung des Todestages am Pfingstmontag basiert auf der ersten Neander-Biographie, geschrieben von einem Studienfreund. An einem christlichen Feiertag zu sterben, hatte etwas Überirdisches, weshalb so mancher Todestag mal eben dorthin „verlegt“ wurde. Aber durch die datierte Beisetzung (am dritten Tage danach) sollten sich auch diese Zweifel zerstreuen. Und damit bestätigen sich für mich auch die letzten Worte des gerade einmal 29-Jährigen auf dem Totenbett – von besagtem Freund überliefert: „Ach! es ist nicht so leicht / sich seiner Gemeinschaft mit Gott in Christo zu versichern / wenn man auf seinem Kranck- und Tod-Bett liget. / als wann man noch frisch und gesund ist! Doch / sagte er /  ich will mich lieber zu todte hoffen / als durch Unglauben verloren gehen!“

Ist es nicht wunderbar, dass ein so großartiger und weltbekannter Liederdichter, Komponist, Theologe und Mensch zu unserer Gemeinde gehört? Ab heute wird bei uns kein Pastor mehr vergessen! 

Ulrich Kaiser
 

* Neanders Lieder sind wahrscheinlich in einem zerklüfteten, echoreichen Tal östlich von Düsseldorf entstanden, das - in Verehrung für den Dichter - zum „Neandertal“ wurde. 1856 gelangte es zu weltweiterer Beachtung, als Archäologen durch Kalksteinabbau freigelegte geheimnisvolle menschliche Knochen untersuchten: Man hatte den Neandertaler entdeckt.

PS: Von Afrikaans bis Zulu
Bereits 35 Sprachen und Dialekte umfasst die stolze Liste mit Übersetzungen von Joachim Neanders Lobe den Herren, die der Düsseldorfer Pfarrer Helmut Ackermann 1997 in akribischer Fleißarbeit zusammengestellt hat. Aber: Sie ist noch lange nicht vollständig. 
Im Knabenchorbüro von Unser Lieben Frauen kommuniziert man daher jetzt mit deutschen Gemeinden und Botschaften auf der ganzen Welt, um möglichst alle bislang unbekannten Übersetzungen ausfindig zu machen. 
Aktueller Stand: 49!


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