Donnerstag, 11. Juni 2026
Kirchenpräsident Bernd Kuschnerus beim Gedenken in Lidice: "Der Hass hat nicht das letzte Wort"
Im Rahmen der langjährigen Verbundenheit Bremens mit Lidice – ein tschechisches Dorf, das als Synonym für den NS-Terror steht – besucht Pastor Dr. Bernd Kuschnerus, Kirchenpräsident der Bremischen Evangelischen Kirche, am kommenden Wochenende Tschechien. Er nimmt dort an der offiziellen Gedenkveranstaltung zum 84. Jahrestag der Vernichtung von Lidice teil und feiert am 14. Juni mit Menschen aus Lidice, Kladno und Bremen den Gottesdienst im benachbarten Kladno.
Bernd Kuschnerus nimmt auf Einladung von Lidices Bürgermeisterin Veronika Kellerová auch an einem Treffen von Bürgermeister:innen teil, deren Dörfer und Städte ebenfalls Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungsterrors wurden.
In seiner Predigt über die Geschichte vom großen Gastmahl (Evangelium nach Lukas 14,16-23) spricht der Kirchenpräsident anknüpfend an die biblische Erzählung von den Hindernissen, die Menschen heute die Feierlaune verderben können: “Es gibt so manches, das uns Sorgen macht und die Festfreude verderben kann. Viele, gerade auch junge Leute, fragen sich, wie wohl die Zukunft sein wird. Mir tut das für die Jugend besonders leid. Denn gerade für sie sollte doch die Zukunft offen sein. Ihnen wünschen wir doch vor allem, dass sie ihren eigenen Weg finden und ihn mit Zuversicht und Gottvertrauen gehen können.”
Der ängstliche Blick auf die Gegenwart und das Bangen vor einer noch unsichereren Zukunft seien verständliche menschliche Reaktionen:
Niemanden lassen die Kriege kalt, die gerade wüten. Wir alle wissen, was Menschen anderen Menschen antun können. Wir haben an diesem Wochenende in Lidice dessen gedacht, was Menschen aus meinem Land, aus Deutschland, Menschen aus Eurem Land angetan haben. Es ist so grausam, dass man am liebsten Augen und Ohren verschließen möchte. Doch genau das dürfen wir nicht. Als Deutscher ist es mir besonders wichtig. Wir dürfen die Vergangenheit und die Schuld unseres Landes nicht vergessen, wenn wir eine Zukunft haben wollen.
so Bernd Kuschnerus. Ihn beeindrucke das alljährliche Gedenken in Lidice sehr.
“Es erinnert an die grausame Vergangenheit. Und es feiert, dass die Menschen hier in Tschechien sich nicht haben unterkriegen lassen. Der Plan der Mörder ist nicht aufgegangen: Lidice wurde nicht aus dem Gedächtnis gelöscht. Es ist erneut entstanden. Die Grausamkeit der Täter wurde nicht vertuscht. Wir erinnern uns daran und wir erinnern uns vor allem an das Leid der Opfer. Und es ist etwas hinzugekommen. Der Hass hat nicht das letzte Wort behalten. Sondern es ist etwas Neues gewachsen. Mich bewegen zutiefst die Versöhnung und die Freundschaft, die ich nun schon seit einigen Jahren miterleben darf. Ich erlebe das als ein großes Geschenk. Ein Geschenk, das ich pflegen und weitertragen will in die Zukunft.”
Zum historischen Hintergrund:
Am 10. Juni 1942 überfiel ein "Sonderkommando" der Gestapo, der Schutzpolizei und der SS das tschechische Dorf Lidice. Dort wurden alle 178 Männer, die älter als 15 Jahre waren, erschossen, 195 Frauen in das KZ Ravensbrück deportiert, wo 52 von ihnen ermordet wurden. Von den knapp 100 Kindern des Dorfes wurden 86 im Vernichtungslager Kulmhof ermordet und neun zur sogenannten "Germanisierung" verschleppt. Der kleine böhmische Ort nahe Prag wurde anschließend vollkommen zerstört und dem Erdboden gleichgemacht. Das Massaker war laut Nazi-Propaganda eine "Vergeltungsmaßnahme" für das Attentat auf Reinhard Heydrich, Gestapo-Chef und sogenannter “Stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren", der im Mai 1942 in Prag Opfer eines Mordanschlags wurde. Der hochrangige Nazi war als “Henker von Prag” verhasst, der die tschechische Bevölkerung rücksichtslos ausbeutete und mit drakonischen Maßnahmen unterdrückte, inhaftierte und ermorden ließ.
Zu den Opfern von Lidice und Ležáky (am 24. Juni 1942) kommen 3.188 im Sommer 1942 zum Tode verurteilte Tschechen, davon 477 aus dem einzigen Grund, dass sie das Attentat auf Heydrich ‚gutgeheißen‘ hatten.
Die Erinnerung an das grausame deutsche Kriegsverbrechen verbindet Bremen und Lidice. Nach Kriegsende entstand unweit des ehemaligen Dorfes ein neues Lidice. Eine Gedenkstätte und ein Museum erinnern an eines der berüchtigtsten Massaker der Nationalsozialisten.
Die Bremer Lidice-Initiative
Die Gründung der Bremer Lidice-Initiative 1979 geht auf den 2022 verstorbenen ehemalige Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche, Pastor Ernst Uhl, zurück.
Wir nannten uns Lidice-Initiative, um von vornherein klarzumachen:
Wir wollen die schuldbeladene Vergangenheit ansprechen, die zwischen Deutschen und Tschechen stand. Als Christ habe ich mir keinen anderen Zugang vorstellen können und über die Jahre ist so etwas wie Freundschaft entstanden.
So erinnerte sich Ernst Uhl 2002 in einem Interview. Als Sprecher der Gruppe gelang es ihm Ende der 1990er Jahre, 300.000 D-Mark an Spenden zu sammeln. Mit dem Geld wurde in dem Dorf, das die tschechische Regierung nach 1945 wieder aufbauen ließ, die Begegnungsstätte "Oase" eröffnet.
In den Bremer Wallanlagen entstand auf Betreiben der Initiative 1989 das erste Lidice-Denkmal auf deutschem Boden. Ernst Uhl hat sich zeitlebens für Frieden und Verständigung und die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit eingesetzt und zahlreiche Jugendfahrten nach Lidice organisiert. 1994 wurde Uhl zum Ehrenbürger von Lidice ernannt.
In Erinnerung an das deutsche Kriegsverbrechen gibt es in Lidice eine Gedenkstätte, die jedes Jahr von Menschen aus aller Welt besucht wird. Im Garten des Friedens und der Versöhnung unterstützte die Lidice-Initiative 2002 die Anpflanzung von 1.000 Rosen. Mittlerweile blühen im Gedenk-Rosengarten mehr als 25.000 Rosen, auch eine im Mai 2024 haben vom damaligen Schriftführer Pastor Dr. Bernd Kuschnerus und der damaligen Präsidentin Edda Bosse im Namen der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) gepflanzte. Im vergangenen Jahr besuchte eine junge Bremer Gruppe mit Theologiestudierenden, jungen Pastorinnen mit Präses Maria Esfandiari und Kirchenpräsident Bernd Kuschnerus Lidice.
“Dieser Besuch hat uns alle nachhaltig geprägt. Ja, die Erinnerung an die Vergangenheit erfüllte uns mit tiefer Scham und Schmerz. Niemand kann das abschütteln. Und zugleich waren alle überwältigt von der Freundschaft, die wir erlebt haben. Auch das haben alle von uns mitgenommen. Wir haben in Bremen davon erzählt und viele von uns haben diese Erfahrungen auch an ihre jeweiligen Studienorte weitergetragen. Ich muss sagen, ich selbst empfinde mich als jemand, der einfach das Glück hat, dieses Geschenk zu empfangen", so der Kirchenpräsident rückblickend.
Seine vollständige Predigt finden Sie untenstehend zum Download.