„Viele Gaben – ein Geist“
Predigten zum Tag der Deutschen Einheit
Predigttexte im Festgottesdienst zum Tag der Deutschen Einheit 2026
am 3. Oktober, 10-11 Uhr im St. Petri Dom zu Bremen mit Live-Übertragung im ZDF
Predigt Teil I
Kirchenpräsident Dr. Bernd Kuschnerus Bremische Evangelische Kirche
Ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn sind auf dem Weg nach Bremen. Der Esel war von seiner Mühle weggelaufen, weil er für seine bisherigen Arbeiten nicht mehr taugt. Dann traf er den Hund, die Katze, den Hahn. Alle vier haben dasselbe Problem: Man will ihnen an den Kragen. Sie sind für das, was bisher von ihnen erwartet wurde, zu schwach geworden. Und darum sollen sie gnadenlos aus dem Weg. Wer heute stark ist, kann morgen schwach sein – so könnte die Moral von der Geschichte lauten.
Aber, wissen Sie, was mich an dem Märchen fasziniert: Die Tiere geben nicht auf. Sie bilden eine bunte Zweckgemeinschaft. Freiwillig würden sie wohl kaum Zeit miteinander verbringen. Zu verschieden sind sie.
Hund und Katze – kann das gut gehen? Doch sie haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen weiterleben.
„Besseres als den Tod finden wir überall,“ sagen sie. Darum raufen sie sich zusammen. Sie sind aufeinander angewiesen, so unterschiedlich sie sind. Und ist das nicht auch unsere Wirklichkeit? Allein kommt niemand von uns weiter. Klar, da kann man die Nase rümpfen und sagen, Zweckgemeinschaft – das klingt doch sehr nüchtern. Aber tatsächlich ist sie der Ansatzpunkt für das große christliche Wort Nächstenliebe.
Bei den Stadtmusikanten sieht das so aus: Ein Tier steht auf dem Rücken des anderen. Der Esel steht unten, der Hund darüber, darüber die Katze, ganz oben der Hahn. Wir haben das Bild vor Augen. Ein eindrucksvoller Anblick!
Vielleicht ist diese Pyramide auf die Dauer unbequem. Ich weiß nicht, ob die Katze es lustig findet, den Hahn auf ihren Rücken zu tragen oder der Hund die Katze. Und der Esel denkt vielleicht: „Das ist ungerecht. Ich muss am meisten schultern.“ Naja, Stärkere können mehr tragen. Wenn der Hahn unten stehen würde, dann würden alle umfallen.
Aber es stimmt schon: Andere zu tragen, kostet Kraft und kann nerven. Und gleichzeitig ist es doch so: Ich selbst darf auch auf den Rücken von jemand anderem stehen. Auch ich werde unterstützt. Wir tragen einander.
Manchmal ertragen wir auch einander. Das ist schon jede Menge. „Einer trage des Anderen Last“, damit beginnt die Nächstenliebe.
Aber Nächstenliebe ist noch mehr! Sie bedeutet, dass wir aneinander Gaben entdecken, die wir haben. „Ei was, du Rotkopf“ sagt der Esel zum Hahn, „du hast eine gute Stimme — wenn wir zusammen musizieren, dann werden wir Erfolg haben.“ Der Esel spricht dem Hahn die Gabe des Singens zu. Vielleicht hätte der Hahn selbst nicht gewusst, was er da kann.
Wie großartig, wenn es jemanden gibt, der meine Gabe sieht und sagt: Hey, was du kannst, ist wichtig. Das können wir gut brauchen.
Gaben können überraschende Stärken sein. Mich bewegt, was wir über ein Leben in Obdachlosigkeit gehört haben. Niemand möchte auf Schwäche festgelegt werden. Niemand möchte beschämt werden. Und zugleich liegt eine große Stärke darin, wenn ehemals Obdachlose andere Menschen unterstützen, die auf der Straße leben. Denn sie wissen aus eigener Erfahrung sehr genau, was die anderen nötig haben.
Paulus – wir haben ihn in der Lesung gehört – sagt nicht: Jeder muss alles können. Im Gegenteil! Der Leib lebt davon, dass die Glieder verschieden sind. Jeder Mensch ist einzigartig. Und doch hängen wir alle zusammen.
Wo Menschen ihre Gaben füreinander einsetzen, zeigt sich ein Geist der Nächstenliebe. Für Paulus verkörpert Jesus Christus diesen Geist. Seine Kraft kommt gerade dort zur Geltung, wo Menschen nicht nur an sich selbst denken. Wir geben weiter, was wir selbst empfangen haben. So erst werden die Gaben, die wir haben, groß und sie erblühen!
Daraus kann etwas entstehen, was sich vorher niemand vorstellen konnte. Die Stadtmusikanten vertreiben sogar Räuber. Sie machen das mit ihrer „Musik“. Der Esel stellt sich mit den Vorderfüßen auf das Fenstersims des Räuberhauses. Die anderen Tiere bauen sich auf seinem Rücken auf. Sie richten sich auf und sie werden laut.
Sie stehen für sich ein. Aus dem Räuberhaus machen sie schließlich ein Zuhause. Hier sind sie alle miteinander gut aufgehoben. Es entsteht eine Heimat in dieser rauen Welt.
Wahre Stärke gibt es, wo wir einander brauchen und uns gegenseitig etwas zutrauen. Wir leben in anstrengenden Zeiten. Lassen wir uns nicht die Zuversicht rauben! Ich bin überzeugt: Im Geist der Nächstenliebe liegt eine Stärke, die trägt.
Predigt Teil II
Bischof Dr. Dominicus Meier OSB, Bistum Osnabrück
Die Bremer Stadtmusikanten lebten in einer Zeit der Veränderung, die eine Neuorientierung dringend nötig machte.
Auch wir leben in solchen Zeiten. Gewohnheiten, Strukturen und Lebenszusammenhänge, die uns Sicherheit geben konnten, kommen an ihre Grenzen oder tragen nicht mehr.
Viele Menschen fühlen sich müde und überfordert. Andere haben Angst davor, Verlierer zu werden. Wenn sich jemand ohnmächtig und schwach fühlt, dann zieht er oder sie sich oft zurück. In Gesprächen höre ich dann die Frage „Bin ich zu etwas nutze?“
Kirchenpräsident Kuschnerus hat uns gerade gezeigt, wie aus dieser Frage etwas unerwartet Starkes wachsen kann.
Nämlich dann, wenn sich Einzelne zusammentun. Wir haben im Film eine Frau kennengelernt, die ganz unten war und sogar aus dieser Erfahrung Kraft schöpfen kann zum Engagement für andere. Und wir werden noch von der Seemannsmission hören, in der Menschen Gemeinschaft erfahren und Aufmerksamkeit bekommen, die in unserer Gesellschaft schnell übersehen werden, obwohl sie für uns alle unverzichtbare Dienste tun.
Mich berührt solch eine Geschichte sehr. Dass Menschen wieder zur Stärke finden, darf nicht dem Zufall überlassen werden. Es darf auch nicht sein, dass diese Erfahrungen verdreht werden zur Botschaft, dass jeder seines Glücks Schmied ist, wenn er sich nur genug anstrengt. Dann würde unsere Gesellschaft eine, in der das Recht des Stärkeren zählt.
Als Christ und als Bischof vertraue ich auf eine andere Botschaft. Jesus hat sich immer den Schwachen zugewandt. Er hat Kranke und Behinderte geheilt, er ist zu den Zöllnern und den Ausgestoßenen gegangen – zu denen, die am Rande der damaligen Gesellschaft standen. Er hat ihnen ihre Würde zurückgegeben. Ich sehe dies als ganz grundlegende Aufgabe für jeden Christen an.
Unser Grundgesetz verpflichtet uns ebenfalls darauf, egal, welche Weltanschauung wir haben. Im ersten Artikel steht:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Das Grundgesetz sieht unverletzliche und unveräußerliche Menschenrechte als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt an.
Ich bin in dieser Zeit der Veränderungen dankbar für das Evangelium Jesu Christi. Es stellt den Menschen in seiner Einmaligkeit, seiner Würde und mit seinen besonderen Gaben in den Mittelpunkt der Zukunftsbetrachtung. So schützt es vor aller Ausgrenzung, Fremdenhass und Antisemitismus.
Begreifen wir, dass Einheit und Zusammenhalt nur da tragen, wo Menschen sie mit Haltung und Überzeugung leben und sich gegen Spaltung und Polarisierung stellen.
Die Predigten zum Download, finden Sie als PDF hier.