Sonntag, 01. November 2026
Bremische Evangelische Kirche ist Teil der Nagelkreuzkreuzgemeinschaft von Coventry
Seit heute (1. November 2026) ist die Bremische Evangelische Kirche (BEK) Teil der Internationalen Nagelkreuzgemeinschaft. Im St. Petri Dom Bremen übergaben die Gäste aus der Nagelkreuzgemeinschaft in einem feierlichen Gottesdienst das Friedenssymbol, das weltweit für Versöhnung steht. Mit der BEK erhält erstmals eine Landeskirche das Nagelkreuz, das demnächst in den Stufen vor dem Bremer Dom jederzeit öffentlich sichtbar ein Zeichen für Frieden und Versöhnung setzen soll.
Mit der Mitgliedschaft in der Nagelkreuzgemeinschaft ist die Aufgabe verbunden, das Versöhnungsgebet von Coventry in Kirche und Stadt zu tragen, was immer freitags beim Mittagsgebet im St. Petri Dom geschehen wird. Das Nagelkreuz hat seinen Ursprung in der kriegszerstörten Kathedrale von Coventry in England. Seit 1945 setzt sich die gleichnamige Gemeinschaft für Frieden und Versöhnung in Europa und weltweit ein.
Reverend Dr. Canon Kate Massey, Amtierende Dekanin von Coventry, überbrachte Grüße und Segen aus England. “Wir wissen, dass auch Sie in Bremen ein Segen für unsere Gemeinschaft sein werden. Jedes Mitglied unserer Gemeinschaft bringt seine persönlichen Geschichten von Herausforderungen und Hoffnungen mit. Sie inspirieren und ermutigen uns in unserem Bemühen um Gerechtigkeit und Frieden in unserer Welt."
2026 gab es mit 17 neuen Mitgliedern eine Rekordzahl an Neuaufnahmen aus den USA, Kanada, Südafrika, den Niederlanden, Deutschland und Großbritannien in die weltweite Gemeinschaft.
Die wachsende Mitgliederzahl der Nagelkreuzgemeinschaft ist eine direkte Folge der zunehmenden Spaltung und Gewalt in unserer Welt ist. Die Menschen suchen nach einer Alternative.
so Kate Massey in ihrer Predigt. Der gemeinsame Einsatz für den Frieden sei heute notwendiger denn je.
Wir erleben gerade Kriege und Kriegsgerüchte. Nach einer der längsten Phasen relativen Friedens in Westeuropa zerfällt vieles. Unsere Sicherheit wirkt weniger garantiert, unsere Zukunft erscheint ungewisser.
Dazu kämen die Auswirkungen der globalen Erwärmung. Die Umwelt, von der das Überleben der Menschen abhänge, wirke zunehmend zerbrechlich. Massey wandte sich jedoch gegen Resignation:
Jesu Worte bleiben aktuell. Er sagt: Lasst euch nicht beunruhigen, das Ende der Welt ist noch nicht gekommen. Vor 90 Jahren standen die deutschen Kirchen vor der Entscheidung, sich dem Nationalsozialismus zu unterwerfen oder am Evangelium festzuhalten. Die Kirche spaltete sich darüber.
Auch heute seien Christ:innen aufgerufen zu entscheiden, wie sie angemessen auf die Herausforderungen der Zeit reagieren. Polarisierung und gesellschaftliche Spaltung, weltweite Gewalt und zunehmende Ungleichheit zwischen Arm und Reich forderten Menschen heute heraus.
Ausharren, einfach ausharren bis ans Ende, sagt Jesus. Das bedeutet, an der Versöhnung teilzuhaben und sich der Liebe zuzuwenden. Die gute Nachricht ist, dass Versöhnung Gottes Werk ist. Wir haben Anteil an diesem verwandelnden Wirken Gottes. Deshalb dürfen wir zuversichtlich sein, auch wenn die Aufgabe aus menschlicher Sicht schwierig, ja unmöglich erscheinen mag. Bei Gott ist alles möglich.
Eine Kampfdrohne als Zeichen, wie schwierig Versöhnung sein kann
Pastor Andreas Hamburg, Friedensbeauftragter der Bremischen Evangelischen Kirche, hatte Trümmerteile einer Kampfdrohne aus der Ukraine mit in den Gottesdienst gebracht.
Um zu verstehen, was damals in Coventry geschehen ist und was daraus erwachsen ist, brauchen wir einen Bezug zu unserer Gegenwart. Ich halte dafür ein Stück Gegenwart in meinen Händen: eine Drohne aus der Ukraine, bestimmt dazu, Menschen zu töten. Wenn ich mir vorstelle, was mit einem solchen Gerät angerichtet wurde, beginne ich zu ahnen, wie schwer Versöhnung sein kann. Ich kann sie niemandem abverlangen, schon gar nicht den Menschen, die durch solche Waffen Angehörige und Freunde verloren haben. Wer hätte das Recht dazu? Und so beginne ich zu verstehen: Versöhnung ist nichts, was wir einfach beschließen oder aus eigener Kraft hervorbringen können. Sie übersteigt unsere menschlichen Möglichkeiten. Wenn sie gelingt, ist sie ein Geschenk. Etwas Übermenschliches. Etwas Göttliches.
Im kommenden Jahr soll ein zweite Nagelkreuz in Bremen zur Verfügung stehen, das seinen Weg durch die Gemeinden der Bremischen Evangelischen Kirche antreten wird. Dieses “mobile Nagelkreuz” soll vor Ort Gesprächsanlässe und Denkanstöße schaffen.
Bovenschulte: “Wir stehen an der Seite der Menschen, die unter Krieg und Gewalt leiden”
Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte, Präsident des Senats, sagte in seinem Grußwort
Vom Nagelkreuz geht der Geist der Versöhnung und der Vergebung aus. Die Kampfdrohne, die Andreas Hamburg gerade hochgehalten hat, zeigt, wie schwierig das ist, wenn Menschen aus der Luft beschossen, terrorisiert, verletzt oder ermordet werden. Denen zu vergeben und sich mit denen zu versöhnen, die bombardieren und morden, das ist etwas Übermenschliches, wie Andreas Hamburg richtig gesagt hat. Das kann nicht verlangt werden, das kann nur wachsen. Als Coventry von den Deutschen bombardiert und Menschen ermordet wurden, hat niemand daran gedacht, dass es noch einmal Vergebung und Aussöhnung geben könnte. Wie hätten die Menschen das auch denken können, die unter den Bomben der deutschen Luftwaffe litten, denen alles genommen wurde?
Dennoch sei von Coventry die Botschaft ausgegangen, dass Versöhnung trotzdem irgendwann möglich ist. Das sei nicht sofort möglich gewesen, erst recht nicht im Krieg. Es sei trotzdem möglich, trotz des schweren Leids und der berechtigten Wut und des berechtigten Hasses auf das, was den Kriegsopfern angetan wurde.
Das bedeutet nicht, sich zu wehren oder sich nicht zu verteidigen. Das bedeutet für die Zukunft den Gedanken offen zu halten, dass Aussöhnung und Verständigung wieder Raum greifen können. So schwer, wie es ist, es ist möglich, wenn wir gemeinsam daran arbeiten. Diese Botschaft geht von der heutigen Veranstaltung aus.
Er sei stolz und dankbar, so Bremens Bürgermeister, und wünsche sich, dass die Botschaft des heutigen Festgottesdienstes weit in die Stadtgesellschaft hinein wirke: “Wir finden uns nicht mit Krieg und Gewalt ab. Wir stehen an der Seite der Menschen, die darunter leiden. Und wir glauben daran, dass Menschlichkeit stärker sein kann, als Feindschaft.”
Der gesamte Gottesdienst ist online als Videostream abrufbar.
Hintergrund
In der BEK stammt die Idee, Teil der Nagelkreuzgemeinschaft zu werden, von den beiden damaligen Friedensbeauftragten, Jasper von Legat und Andreas Hamburg. Um in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, ist ein Antrag sowohl bei der deutschen Nagelkreuzgemeinschaft als auch bei der Dachorganisation in Coventry erforderlich, den diese prüfen und befürworten müssen. Zum Aufnahmeprozesses gehört auch ein Besuch im Coventry (die sogenannte “Pilgrimage”), die für die BEK Pastorin Inge Kuschnerus und Frauke Langhop gemeinsam gemacht haben.
Damit die Idee des Nagelkreuzes lebendig wird, wird es in Bremen Friedensandachten und eine weiterhin aktive Auseinandersetzung mit den Grundgedanken des Nagelkreuzes geben. In der Friedensarbeit der BEK wird das Nagelkreuz künftig eine wichtige Rolle spielen. Pastorin Inge Kuschnerus wird diese Aktivitäten als Nagelkreuz-Beauftragte in der BEK initiieren und koordinieren. Geplant ist etwa, künftig im Rahmen des Mittagsgebets im St. Petri Dom immer freitags ein Friedensgebet zu gestalten.
Zur Geschichte des Nagelkreuzes
Die Nagelkreuzgemeinschaft nahm ihren Ausgang in der kriegszerstörten Kathedrale von Coventry in England und widmet sich seit 1945 der Arbeit für Frieden und Versöhnung in Europa und weltweit. Heute gehören ihr weltweit mehr als 160 Zentren, in Deutschland 85 Partner und zahlreiche Einzelmitglieder an. Dazu zählen bekannte Kirchen wie die Dresdner Frauenkirche oder die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin.
Was ist das Nagelkreuz?
Ein Symbol für Versöhnung und Neuanfang: Es entstand nach einer Bombennacht im November 1940 aus den Trümmern einer englischen Kathedrale und entwickelte sich von dort aus zu einer Idee: Feindschaft ist wandelbar, Versöhnung ist möglich.
Geformt aus drei mittelalterlichen Nägeln der zerstörten St.-Michaels-Kathedrale Coventry wurde es zum Symbol für Hoffnung und Freundschaft, vor allem von Briten und Deutschen nach 1945. Mit dem Wiederaufbau der Kathedrale von Coventry im Jahr 1962 wurde das ursprüngliche Nagelkreuz im Hochaltarkreuz eingebettet.
Nach der Zerstörung der Kathedrale von Coventry durch deutsche Bombenangriffe ließ der damalige Dompropst Richard Howard die Worte „Vater vergib“ in die Chorwand der Ruine meißeln – sie sind die Grundlage des 1958 formulierten Gebets, das immer freitags um 12 Uhr weltweit gebetet wird.
Warum gibt es eine Nagelkreuzgemeinschaft?
In den Trümmern des Zweiten Weltkrieges fragten Menschen überall auf der Welt nach den Ursachen, vor allem aber nach den Bedingungen für einen dauerhaften Frieden. Heute ist diese Suche nicht weniger drängend. Ein Kreuz aus Nägeln wurde von Coventry aus nach Deutschland gebracht. Heute verbindet das Nagelkreuz Städte, Kirchen und Gemeinschaften in sehr vielen Ländern, über Kontinente hinweg
Warum ist Bremen nun auch dabei?
Nicht nur die Erfahrung von Krieg und Zerstörung verbindet uns mit anderen Städten und Ländern. Die Nagelkreuzgemeinschaft ist ein wachsendes Netzwerk. Es fördert Begegnungen und Projekte über Grenzen hinweg. Es sucht nach ermutigenden Beispielen für Versöhnung und die Überwindung von Konflikten. Es hält das Gebet für den Frieden in einer weltumspannenden Gemeinschaft wach.
Das Bremer Nagelkreuz bringt diesen Impuls nun auch nach Bremen.
Ein Video zur Geschichte der Kathedrale von Coventry und des Nagelkreuzes finden Sie hier.
Für die Bremische Evangelische Kirche geht heute ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Das Nagelkreuz als sichtbares Zeichen des Friedens im Herzen der Stadt drückt aus, wofür wir als Kirche uns tagtäglich einsetzen: Frieden im Kleinen wie im Großen. Wir beten darum und wir arbeiten mit unseren weltweiten Partnern, ob in der Ukraine, Polen oder in Westafrika daran.
so Pastorin Inge Kuschnerus, Beauftragte für die Nagelkreuzaktivitäten der Bremischen Evangelischen Kirche.
Die Bitten im Nagelkreuzgebet, das Menschen weltweit verbindet, sind aktueller denn je. Es tut gut, unsere Sehnsucht nach Frieden und dem, was uns als Menschen über alle Grenzen verbindet, vor Gott zu bringen. Liebe, nicht Hass, Frieden, nicht Krieg, sind Gottes Wille. Unser menschliches Versagen vor dieser Aufgabe und unsere ungebrochene Sehnsucht im Gebet auszusprechen, macht uns stark, auch die scheinbar kleinen Schritte auf dem Weg des Friedens weiterzugehen. Das Nagelkreuz von Coventry zeigt eindrucksvoll: Die Hoffnung ist letztendlich stärker als die uns oftmals leider überkommende Resignation vor Hass, Gewalt und Krieg.
betont Kirchenpräsident Dr. Bernd Kuschnerus anlässlich der Verleihung des Nagelkreuzes an die Bremische Evangelische Kirche.









