Donnerstag, 29. Oktober 2026

"Antisemitismus widerspricht dem Kern unseres Glaubens"

Das Gedenken an die Novemberpogrome 1938 ist untrennbar mit der Mahnung verbunden, dem aktuellen Antisemitismus entschieden entgegenzutreten. Mit zahlreichen Veranstaltungen erinnert die Bremische Evangelische Kirche an das Leid jüdischer Menschen im nationalsozialistischen Deutschland. Neben dem Gedenken geht es auch darum, jüdisches Leben heute in Bremen kennenzulernen, Vorurteile abzubauen und die Bedrohung unter uns lebender Nachbarn nicht zuzulassen.

Die Bremische Evangelische Kirche beteiligt sich deshalb an den Aktionswochen "Schalom Bremen"  und bietet eine Reihe von Veranstaltungen an.

In der Kulturkirche St. Stephani wird am 1. November aus der Sicht eines kleinen jüdischen Bremer Mädchens – verbunden mit Live-Musik am Flügel sowie mit Bildern und historischen Dokumenten – die Situation in Bremen 1941 und die Deportation nach Minsk geschildert: “Rachel erzählt” schildert eine Bremer Geschichte aus dem Stephani-Viertel von Mut und aufrechtem Gang.

Die Evangelische Studierenden Gemeinde (ESG), die Katholischer Hochschulgemeinde (KHG), die Evangelische Jugend Bremen (EJHB) und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) laden zu einem Stolpersteine-Putz-Rundgang am Vorabend des Jahrestags des Novemberpogroms ein. Am 8. November von 15-17 Uhr können sich Interessierte den jungen Menschen anschließen und gemeinsam die Stolpersteine in der Nachbarschaft der ESG putzen. Kornelia Renemann vom Initiativkreis Stolpersteine begleitet die Aktion und ordnet die Geschichte der Menschen, an die die Steine erinnern, entlang der Wegstrecke historisch ein. Die Ausrüstung wird gestellt. Anmeldungen unter esg@kirche-bremen.de.

Am 9. November findet im forum Kirche ab 13 Uhr eine Andacht statt. Das Haus Hollerallee 75, das heute gesamtkirchliche Einrichtungen beherbergt, war 1938 die nordwestdeutsche Zentrale der SA. Von dort aus wurden die Befehle zur Zerstörung jüdischer Geschäfte und zur Gewalt gegen jüdische Menschen gegeben. An diesem Ort laden Mitarbeitende des forum Kirche zu einer Andacht ein, die der Menschen gedenkt, die verfolgt, gedemütigt und Opfer von Gewalt wurden.

In Alt-Aumund erinnert die Kirchengemeinde Aumund-Vegesack am 9. November ab 17 Uhr auf dem Jacob-Wolff-Platz gemeinsam mit der Internationalen Friedensschule Bremen und dem Ortsamt Vegesack an die Zerstörung der dortigen Synagoge. 

Am 11. November um 19.30 Uhr spricht Dr. Hermann Kuhn, Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bremen e.V. in der Kirchengemeinde St. Martini Lesum über “Antisemitismus alt-neu. Geschichte, Ursachen, Erscheinungsformen, Gefahren”.

Auch im Bremer Westen gab es während der NS-Gewaltherrschaft viele Zwangslager.  Uta Halle erinnert am 13. November um 18 Uhr in Gemeindesaal der Nikolaikirche Oslebshausen an die vielen Menschen aus von Nazi-Deutschland besetzten europäischen Ländern, die dort zur Zwangsarbeit eingepfercht, erniedrigt und gequält wurden.

Im St. Petri Dom ist Dr. Christian Staffa, scheidender Antisemitismusbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am 15. November zu Gast. Nach einem gemeinsamen Gottesdienst mit Dompredigerin Nina Kleinsorge ist ein Vortrag mit Diskussion geplant.

Die Bildungszeit “Jüdisches Leben in Bremen – Aus dem Erinnern Zukunft gestalten”, die das Evangelische Bildungswerk regelmäßig anbietet, ist vom 16. bis 20. November bereits ausgebucht. Plätze auf der Warteliste können hier angemeldet werden. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage eine christliche Haltung aussehen kann, die für Antisemitismus sensibilisiert und Verantwortung übernimmt.

Vor der Kulturkirche St. Stephani wird am 18. November um 10 Uhr ein Stolperstein im Gedenken an die Familie Ernst Moritz Abraham verlegt, die vor 85 Jahren nach Minsk deportiert wurde.

BEK-Beauftragte betont Verantwortung für den Schutz jüdischen Lebens heute

Wir als evangelische Kirche freuen uns über jüdisches Leben in Bremen und widersprechen Antisemitismus, weil er dem Kern unseres Glaubens widerspricht: Jesus war Jude und unsere Bibel ist zuerst die Heilige Schrift des jüdischen Volkes. Wer Jüdinnen und Juden verachtet oder bedroht, vergreift sich deshalb nicht nur an Menschen, sondern auch an den Grundlagen unseres eigenen Glaubens

betont Pastorin Sabine Groen, Beauftragte der Bremischen Evangelischen Kirche für den interreligiösen Dialog anlässlich der Aktionswochen.

Aus Überzeugungen, die Christ*innen aus jüdischen Überlieferungen übernommen haben, unterschieden sie Menschen nicht nach nationaler oder kultureller Zugehörigkeit. “Wir treten für alle ein, die von Ausgrenzung und Gewalt betroffen sind.”

Wenn wir die Erinnerung an die Verbrechen vom 9. November 1938 dafür nutzen, für Antisemitismus zu sensibilisieren und uns ihm entgegenzustellen, sprechen wir nicht zuerst über andere, sondern über uns. Über viele Jahrhunderte hat christliche Verkündigung Bilder von Juden als „verstockt“, „gesetzlich“ oder „gottesmörderisch“ weitergegeben. Auf diesem Boden konnte der moderne Antisemitismus wachsen. Aus dieser Geschichte leiten wir unsere Verantwortung ab als Institution, die dieses Erbe trägt. Wir wissen, wie wichtig es ist, uns in Predigt, Unterricht, Liedgut und Kirchenräumen immer wieder selbst zu prüfen, zu korrigieren und neu zu lernen.

 

Jüdisches Leben in Bremen sei mehr als Erinnerung und mehr als gefährdet: “Es ist lebendig und vielfältig. Jüdische Menschen sind unsere Nachbarn und Gesprächspartner. Vorurteile sind keine Tatsachen, und sie lösen sich dort auf, wo Menschen einander kennenlernen. Deshalb wollen wir Begegnung ermöglichen und dazu ermutigen: in Gemeinden, im Dialog der Religionen und im Alltag der Stadt, mit Neugier auf das, was jüdisches Leben in Bremen ausmacht”, so Sabine Groen.

Hintergrund

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden in Nazi-Deutschland mehr als 1.400 Synagogen und jüdische Bethäuser in Brand gesteckt, etwa 30.000 Menschen in Konzentrationslager verschleppt und 400 ermordet.

Auch die Bremer Hauptsynagoge in der Kolpingstraße und die Aumunder Synagoge in der Kirchenstraße wurden zerstört. Noch in der Nacht ermordeten SA-Gruppen in der Bremer Neustadt die Fahrradhändlerin Selma Swinitzki und den Kaufmann Heinrich Rosenblum und in Bremen-Nord das Arztehepaar Adolph und Martha Goldberg sowie den Monteur Leopold Sinasohn. In Bremerhaven setzte eine SA-Horde die Synagoge in der Schulstraße in Brand. Geschäfte und Privatwohnungen wurden zerstört. In der Seestadt wurden Kurt Davidsohn, Dagobert Kahn, Henry Liepmann und einige andere blutig geschlagen und kamen in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Dagobert Kahn wurde später in Auschwitz ermordet.