Denkanstoß

Himmlisches Schaukeln

 

Himmlisches Schaukeln

„Wer ist denn auf die Idee gekommen?“ So hören wir es oft an der Himmelsschaukel, die seit einigen Jahren regelmäßig in der Stadt-kirche Unser Lieben Frauen schwingt und viele Menschen begeistert. Wir schmunzeln über die Frage, denn die Idee des Schaukelns ist so alt, wie die Menschheit selbst. 

Schon im Mutterleib werden wir sanft hin und her bewegt. Vielleicht ist das der Grund, warum diese Bewegung uns Menschen so sehr berührt, uns an unsere Ursprünge führt, an die Schaukelvergnügen der Kindheit erinnert und uns auch im Alter wieder jünger fühlen lässt. Die Antwort auf die Frage könnte dann so lauten: Mit der Idee Gottes, das am Beginn der Welt alles in eine gute Bewegung geraten soll, und der dann von dieser Freude bewegt mit so viel Fantasie und Liebe diese Welt erschaffen hat, ist auch das Schaukeln entstanden.

 

Ein Moment, der verzaubert
Viele Menschen sind wie verzaubert, wenn sie auf dieser Schaukel schwingen. So habe ich es erlebt, als ich die Schaukel bei einer „Nacht der Industriekultur“ in der Jahrhunderthalle in Bochum erlebt habe. In diesem riesigen Raum gab es eine Silent Disco, in der die Menschen tanzten, während andere genüsslich mit ihrem Abendessen durch die Halle spazierten. Und mittendrin diese Schaukel, in der die Menschen lagen und wie beseelt aussahen.

Sie wirkten wie in einer anderen Welt. Da war der Gedanke nicht weit: wie genial und wie schön muss das in unserer Stadtkirche sein, deren Chorraum so weit und groß ist und voller bunter Farben der wunderbaren Glasfenster von Alfred Manessier.

Die Idee war schnell umgesetzt und seitdem schwingt zu bestimmten Zeiten die Himmelsschaukel in der Liebfrauenkirche. Immer wieder rufen Menschen an und fragen, wann sie denn wieder schaukeln können. Andere nehmen die Idee mit in ihre Gemeinde und so hängt zum Beispiel in Freiburg eine Himmelsschaukel, die von unserer Schaukel inspiriert wurde. In Freiburg ist es eine Therapieschaukel, auf die man sich mit dem ganzen Körper legt und sanft hin und her geschwungen wird. In der Liebfrauenkirche ist es zuerst eine Nestschaukel gewesen, mit der wir dieses schöne Projekt begonnen haben. 

Jetzt ist es ein einfaches Schaukelbrett, auf dem man aufrecht sitzend in den Himmel schwingen kann und sicher wieder zurück gelangt. Die einen mit einem leichten Schwingen, die anderen mit großem Anschwung an den 14 m langen Seilen weit in den Kirchraum hinein.

 
Hass und Gewalt haben keine Chance

Viele Gäste erleben es als stilles Vergnügen, unsere Gäste aus Spanien und Italien schaukeln gerne mit lautem Gesang und manchmal auch mit Gebeten. So unterschiedlich wir Menschen im Temperament sind, so unterschiedlich wird auch die Schaukel erlebt. Und wer kirchlich eher traditionell oder konservativ erzogen wurde, empfindet die Schaukel vielleicht sogar als befremdlich und fehl am Platz. 

Das ist völlig in Ordnung, wir schaukeln trotzdem munter weiter. Ich denke inzwischen oft: in jeder Kirche sollte es eine Schaukel geben. Sie sorgt für Erstaunen und lädt Menschen ein, sich auf eine besondere Bewegung einzulassen, die sie mit ihrem Ursprung verbindet. Eine Bewegung, die sogar böse Gedanken vertreibt. Wo man schwingt, da lass dich ruhig nieder. Kaum vorstellbar, dass jemand, der auf der Schaukel sitzt, strenge Parolen von sich gibt. Hass und Gewalt lösen sich in der Bewegung, haben auf der Schaukel keine Chance. Jede Art von Starre löst sich, Gesichter hellen sich auf und Stimmen klingen fröhlich. Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat einmal angemahnt: „Erlöster müssten mir die Christen aussehen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte“.

Die Schaukel in der Kirche kann zumindest ein kleiner Beitrag dazu sein. Denn wenn sie in der Liebfrauenkirche schwingt, sehen die Menschen fröhlich aus. In einer Zeit, in der Konflikte schärfer werden und Menschenseelen verhärten, ist die Schaukel ein wunderbares Instrument, um sich davon zu lösen und wieder zu sich zu finden und zu guten und freien Gedanken und Gefühlen. Insofern hat sie in der Kirche ihren guten Ort, denn da geht es um Befreiung, um Versöhnung und Lebensmut.

Für diesen Sommer ist unsere Empfehlung: Sucht und findet so viele Schaukeln, wie es geht. In den Bergen und am Strand. Und lasst euch nicht einreden, dass das Schaukeln nur ein Vergnügen für Kinder ist. Im Gegenteil: Lasst euch von den Kindern anregen, wild und fröhlich zu schaukeln. Denn die Kinder wissen am besten, wie Lebendigkeit und Freude gelebt werden. Und wer mag, packe als Urlaubslektüre das kleine Büchlein „Schaukeln“ des Philosophen Wilhelm Schmid in den Koffer. 

Und wieder zuhause in Bremen? Da könnt ihr diese Erinnerung immer wieder auffrischen. Unsere Schaukel wird weiter hängen und als Himmelsschaukel eine Einladung sein, die festen Standpunkte immer wieder zu verlassen und in freiem Schwingen zu entdecken, was das Leben groß und wunderbar macht, auch und gerade in schweren Zeiten.

Einen schwungvollen Sommer wünscht

Stephan Kreutz