Denkanstoß
Denkanstoss
Liebe Gemeinden
Unser Lieben Frauen und St. Ansgarii
vor kurzem wurde mir ein Bild gezeigt, das mich sehr berührt hat: „Tagblume und Nachtblume“ heißt es. Eine helle, gelbe Blüte hat die Tagblume darauf, eine dunklere, braune die Nachtblume. Dachte ich zunächst. Aber vielleicht ist es auch umgekehrt. Denn der Hintergrund der gelben Blüte ist dunkel und der Hintergrund der braunen ist hell. Die beiden Blumen stehen nebeneinander und die Hintergründe scheinen ineinander zu fließen. Dass dieses Bild von einem 9-jährigen Jungen gemalt wurde, hat mich besonders beeindruckt.
Als ich es sah, musste ich an „Die dunkle Nacht der Seele“ denken, ein Gedicht des spanischen Mystikers Johannes vom Kreuz, rund 450 Jahre alt. Die Nacht kann ja für so vieles stehen. Bei Johannes vom Kreuz steht sie zweifellos für die Erfahrung von Einsamkeit und innerer Leere. Er verfasste das Gedicht, als er in einem Ordensgefängnis in Toledo inhaftiert war, weil er theologische Vorstellungen vertrat, die seine Oberen nicht tolerierten. Dunkel war es da im Kerker. Und dann verdunkelte sich zweifellos auch seine Seele. Wie es ja – wenn auch natürlich in viel geringerem Ausmaß – auch nicht wenigen von uns passiert, wenn die sogenannte „dunkle Jahreszeit“ kommt. Da verfinstert sich dann oft etwas, in uns; und wir sehnen uns nach Licht.
Zugleich steht die Nacht bei Johannes vom Kreuz jedoch für mehr. Denn die Leere bleibt für ihn nicht leer. Sie wird gefüllt. Als ob ihn die Dunkelheit auf das Wesentliche, auf sein Innerstes, zurückwerfen würde. So, wie man klarer denken, genauer empfinden kann, wenn man die Augen schließt. Er dichtet:
„Dies führte mich
sicherer als das Licht des Mittags, wo auf mich wartete,
den ich gut kannte,
dorthin, wo niemand sich zeigte. O Nacht, die du mich führtest!
O Nacht, liebenswerter als das Morgengrauen! O Nacht, die Du mich mit ihm zusammenführtest!“
Nein, liebe Gemeinde, das ist nicht die Sprache, in der wir uns selbst Tag für Tag ausdrücken; das ist spirituelle Liebeslyrik aus dem 16. Jahrhundert, aus dem Spanischen übersetzt. Aber sie transportiert eine existenzielle Erfahrung. An anderer Stelle heißt es:
„Nimm doch endlich hinweg meine Angst, Denn niemand sonst kann sie mir nehmen.
Meine Augen möchten dich gerne schauen, Denn du machst sie hell und sehend,
Und nur für dich allein sollen sie leuchten.“
Ich glaube, mit der Erfahrung, die in diesen Zeilen steckt, können die meisten von uns etwas anfangen: Mit dem Erlebnis, mitten im Dunklen klarer zu sehen. Mit der Erfahrung, in der Finsternis einen Weg zu finden. Mit dem Empfinden, von einem anderen berührt und geführt zu werden.
Und manchmal passiert das sogar gerade dann, wenn ich es am wenigsten erwarte. Die Bibel ist ja voller Geschichten von Menschen, die genau das erfahren.
„I once was blind but now I see“.
Gott ist der, dem ich auch in der Nacht – und vielleicht gerade dort – begegnen kann.
In Trauergesprächen erlebe ich eigentlich immer beides: den Schmerz über den Verlust des gestorbenen Menschen einerseits – und natürlich die große Dankbarkeit für sein Leben – und andererseits eben oft auch eine Schärfung des Blicks für die Kostbarkeit des Lebens. Für das Wesentliche. Oft sind wir ja mit allem Möglichen beschäftigt; sind geschäftig, umtriebig, voller Gedanken und Ablenkungen, to-do-Listen und Arbeitsstapeln, Sorgen und Ängsten. Aber manche Ereignisse ziehen uns diesen Alltäglichkeitsschleier von den Augen.
Das Leben steht dann auf einmal viel mehr im Mittelpunkt. Das reine Leben. Wie schrieb Rilke über den Tod von Paula Modersohn-Becker? „Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen“ und „wir sorgen, ob wir auch gefielen“. Doch „als du gingst, da brach in diese Bühne ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne, wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald“. Mitten in der „Todes-Erfahrung“, dem Verlust der so jung gestorbenen Künstlerfreundin, machte Rilke die Entdeckung von einer anderen, echteren Wirklichkeit. Die Konventionen schweigen, der Wunsch zu gefallen und Erfolg zu haben, auch. Darauf kommt es jetzt ja gar nicht an, auf die-ses „allzu Menschliche“, sondern auf die bloße Existenz.
Da liegt für mich ein echtes Potenzial verborgen. Dass wir als Christen die Nacht der Leere und der Einsamkeit nicht verleugnen, dass wir den Tod nicht verdrängen, sondern von diesen menschlichen Grunderfahrungen unser Bewusstsein schärfen, zumindest ein wenig. Unser Sensorium für das, worauf es ankommt: das Leben; die Menschen um uns herum; Gott. Der willl „im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt“, wie Jochen Klepper dichtete.
Liebe Gemeinde, jetzt bricht also bald, nach dem Herbst, die „dunkle Jahreszeit“ an. Manche mögen sie nicht; andere, wie meine Tochter Anna, mögen sie besonders gern. Ich glaube, bei ihr hat das nicht zuletzt mit den besonderen Lichterfahrungen zu tun, die sie dann sammeln kann. Sie zündet einfach sehr gerne Kerzen an (ich auch!); und dann kommen ja auch schon die „Lichterfeste“. St. Martin, vor allem aber natürlich der Advent und Weihnachten. In der Mitte der dunklen Zeit kommt das Fest der Menschwerdung Gottes. Sozusagen in der Mitte der Nacht feiern wir „das Licht der Welt“. Ich mag ein neueres Kinderlied sehr gern. Darin heißt es: „Kommt wir schauen in das Licht, das hell leuchtet und verspricht: Gottes Sohn wird Hoffnung bringen, lasst uns freuen, lasst uns singen“.
Ihnen und Euch allen eine gute Herbst- und Winterzeit – und Gottes Segen,
Ihr/Eurer Benedikt Rogge
