Denkanstoß

​​​​​​Der Esel und wir

Ganz gewiss: Ein Pferd wäre das stärkere Zeichen gewesen – damals beim Einzug in Jerusalem. Und mit bewaffneten Jüngern an seiner Seite wäre Jesus auch nicht so kampflos in den Tod gegangen. Petrus hätte sofort zum Schwert gegriffen, wäre er nicht von Jesus zurück gehalten worden: „Wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert umkommen“. Jesus kennt die unaufhaltsame Spirale von Gewalt und Gegengewalt und wird nicht müde, seinen Jüngern einen ganz anderen Umgang mit Konflikten nahezulegen. Er zieht auf einem Esel in Jerusalem ein, stellt sich wehrlos seinen Anklägern entgegen, spricht die Friedenstiftenden selig (lateinisch „pacifici“, also Pazifisten) und fordert dazu auf, dem Angreifenden auch noch die andere Wange hinzuhalten. Damit riskiert er viel. Der andere könnte nochmal zuschlagen, könnte ihn töten.

Aber es kann auch ganz anders kommen: der andere könnte einlenken, „sich verlaufen im Knüppelholz der Tugenden, sich verirren im Labyrinth der Freundlichkeit“, wie es Hanns Dieter Hüsch poetisch beschreibt. Kurz: der Krieger könnte verwirrt sein, und es würde ein Raum entstehen für Gespräche und Einigung, ein Raum für den Frieden.

Vor 2000 Jahren ist Jesus damit weit gekommen: der Richter Pilatus hätte ihn freigesprochen, wenn er nicht vor dem tobenden Mob eingeknickt wäre, der die Kreuzigung forderte.

In Deutschland ist es im Jahr der Wende 1989 gut gegangen, als Menschenmengen mit bren-nenden Kerzen sich dem bis an die Zähne bewaffneten Staat entgegen stellten. Damals sagte ein hochrangiger SED Funktionär im Rückblick: „Mit allem haben wir gerechnet, aber nicht mit Kerzen und Gebeten.“

Eine Garantie für den Erfolg des gewaltfreien Widerstands gibt es nicht. Dass aber Krieg und Gewalt unzählige Menschen in den Tod treiben, das ist garantiert und wird aufs grausamste gerade in der Ukraine sichtbar.

Der Feldzug von Putins Truppen gegen das Volk der Ukraine ist in meinen Augen ein Verbrechen und schlimmste Barbarei. Da spüre ich in mir den starken Impuls zu helfen. Auch mit Waffenlieferungen aus Deutschland. Zugleich aber sehe ich, wie das Leid der Menschen im Kriegsgebiet immer größer wird.

Weil jede Munition mehr auch mehr Tod und Verderben bringt – auf beiden Seiten.

Wieder lande ich bei den Worten Jesu, bei seinem unmissverständlichen Nein zu Waffen und Krieg. Und ich bin erschrocken über meine eigenen Gedanken und darüber, wie schnell derzeit politische Überzeugungen kippen, Unsummen in Aufrüstung gesteckt werden, Waffenschmieden zu vermeintlichen Lebensrettern werden und Demonstrierende beschimpft, die für den Frieden ohne Waffen eintreten. Das Risiko ist hoch und den Ausgang kennt niemand. Und wer wie Margot Käßmann sagt „Frieden wächst nur mit friedlichen Mitteln“, wird von Vielen belächelt.

Aber ich möchte nicht müde werden, darauf zu vertrauen und immer weiter nach Formen des gewaltfreien Widerstands und der zivilen Verteidigung zu fragen, die in Lettland sogar Unterrichtsfach ist. Und ich möchte nicht aufhören zu beten, dass Frieden wird in der Ukraine und in allen Kriegsgebieten der Welt, weil die Menschen zur Vernunft kommen und mit dem Esel weiterziehen anstatt mit dem Schlachtross. Und dass sie gemeinsam die große Aufgabe meistern, diese Welt vor der Zerstörung zu retten.                 

Herzlichst, Pastor Stephan Kreutz

August Macke (1887-1914) - Eselreiter, Tunisreise 1914