Denkanstoß

Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist (Lk. 6, 36)

Dieser Ausspruch Jesu wurde als biblisches Wort für das Jahr 2021 ausgelost. Ich finde, es ist ein sehr geeignetes Wort für dieses Jahr, über dem weiterhin das Coronavirus seine Schatten wirft. In drei Schritten will ich mich der Jahreslosung nähern.

1. „Barmherzigkeit“, „barmherzig sein“ – was meint das?
„Barmherzigkeit“, „Erbarmen“, klingt verstaubt. Dieses Wort ist außerhalb der Religionen kaum gebräuchlich. Wir sprechen heute lieber von „Solidarität“, „Mitgefühl“, „Empathie“. Aber in diesem alten Wort stecken die Wörter „Herz“ und „arm“. Ein Herz für die Armen haben. Ich würde „Barmherzigkeit“ am liebsten so übersetzen: Sein Herz öffnen für die Not der anderen und helfen. Wahrnehmung der Not und Handeln gehören zusammen. Und wichtig ist dabei, dass es auf Augenhöhe und voraussetzungslos geschieht.

2. Biblische Geschichten zur Erläuterung der Jahreslosung
Jedes Kind unserer Kita lernt diese beiden biblischen Geschichten kennen: Die Geschichte vom „verlorenen Sohn“ und die Geschichte vom „barmherzigen Samariter“. Beide sind wunderschön zu erzählen und sie erläutern, worum es in der Jahreslosung geht. „…wie euer Vater barmherzig ist“. Gott wird in Lukas 15 als barmherziger Vater dargestellt. Er empfängt seinen jüngeren Sohn, der das ganze Erbe verschleudert hat und reumütig nach Haus zurückkehrt, mit offenen Armen. Er macht ihm keine Vorwürfe. Er vergibt ihm. Er zeigt sich großzügig: Er lässt ihm das beste Gewand bringen und einen Ring anstecken. Er lässt das gemästete Kalb schlachten und ein fröhliches Fest feiern. Vergebungsbereitschaft und Großzügigkeit sind Wesensmerkmale von Barmherzigkeit. Die Jahreslosung sagt: Weil Gott barmherzig ist, können auch wir barmherzig sein. Dafür steht beispielhaft der „barmherzige Samariter“ aus Lukas 10. Dieser sieht nicht nur den Zusammengeschlagenen, wie der Priester, der vor ihm des Weges ging, sondern er empfindet Mitleid. Er sieht: Der braucht meine Hilfe, also helfe ich. Ohne Bedenken schreitet er zur Tat: er säubert und verbindet die Wunden und bringt ihn zu einem Gastwirt, der auf seine Kosten für ihn sorgen soll.

3. Barmherzigkeit als Handlungsprinzip
„Harte Zeiten stehen uns bevor, sehr harte Zeiten“ sagte unsere Bundeskanzlerin, als Anfang Januar eine Verlängerung und Verschärfung des Lockdowns beschlossen wurde. Das Corona-Virus wird uns noch im Griff haben, wenn Sie diese Zeilen lesen. Von Wolf Biermann hört man die Aufforderung: „Du, lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit“. Positiv kann man es so formulieren: Sei barmherzig! In ganz kleinen konkreten Handlungsschritten: Kaufe für die alte Nachbarin ein! Oder: Gib einem etwas Geld, der es dringend braucht! Oder: Rufe jemanden spontan an! Oder: Neide den Impfstoff nicht anderen, die vor dir an der Reihe sind. Oder: … Öffnen Sie Ihr Herz wie der Samariter: Ihnen fällt bestimmt etwas ein!

Gesche Gröttrup