Denkanstoß

"Ich will mich lieber zu Tode hoffen, als durch Unglauben verloren gehen"

… waren Joachim Neanders letzte Worte am 31. Mai 1680. Drei Tage später wurde er auf dem Kirchhof von Unser Lieben Frauen begraben. Daran zu denken, fällt nicht schwer. Aber wie sieht es mit meiner eigenen Beerdigung aus? Obwohl unbegrenztes Leben auf Erden überhaupt nicht auf meiner Wunschliste steht, ist der Gedanke an den Tag X alles andere als unbeschwert.

Vielleicht ist dieser scheinbare Widerspruch DAS zu ergründende Geheimnis meines Lebens. Wo also die Antwort suchen, wenn nicht in der Religion? Was unterscheidet mich als Christen von jemandem, der sich voller Hingabe um Obdachlose kümmert, aber mit Glauben und Kirche nichts anzufangen weiß? Müsste nicht zu meinem christlichen Selbstverständnis auch etwas gehören, das über Nächstenliebe, so wichtig und unverzichtbar sie ist, hinausgeht?

„Unser Sohn bringt uns noch zurück in die Kirche“, hörte ich Eltern nach einer Knabenchorvesper sagen. Gesungen wurde von Tod und Auferstehung – Das Kreuz im Chorlogo ist Programm. Durch die Werk­auswahl und meine (manchmal zu langen) Erklärungen begegnen die Jungen auch ihrer eigenen Vergänglichkeit, nicht als unvermeidliches Übel, sondern als der eigentlichen Erfüllung unseres Lebens. Für diese Auseinandersetzung braucht es kein hohes Alter (Neander starb mit 29 Jahren), sondern vorurteilsfreie Wahrnehmung, die bei den Jungen so groß ist. Für uns ist jede Probe Karfreitag und Ostern zugleich. 

„Dafür könnte ich sterben“ rutscht mir vielleicht deshalb als Umschreibung eines glücklichen musikalischen Momentes immer mal wieder raus. Ein zutiefst friedvoller Augenblick, indem die Zeit stillsteht und die Länge des noch bevorstehenden Lebens keinerlei Bedeutung mehr hat. Für mich: eine Begegnung mit Gott. 

Kirche als Ort unmittelbarer Gotteserfahrung zu verstehen und lebendig werden zu lassen, sollte als Angebot auch diejenigen erreichen, die der Kirche von Woche zu Woche „aus Unglauben“ verloren gehen. Aber tue ich auch genug, um das als eigentliche „Kernkompetenz“ des Christentums zu verkörpern, diesen unendlichen Raum mit Leben, Musik und Gebet zu füllen und – ohne den Moralapostel zu spielen – die Welt auf diese Chance begeistert aufmerksam zu machen?

Auch Neanders „Unglauben“ hat nichts mit erhobenem Zeigefinger zu tun, denn die Erlösung verspricht er sich nicht erst in einer ungewissen Zukunft. Alle fünf Strophen von Lobe den Herren beschreiben seine persönliche Erfahrung im Jetzt. Mit dieser Gottesnähe konnte er gar nicht verloren gehen. Und so habe auch ich durch Karfreitag und Ostersonntag allen Grund, mich zu Tode zu hoffen. 

Herzliche Grüße Ihr
Ulrich Kaiser