Manessier-Fenster

Die Fenster von Alfred Manessier in Unser Lieben Frauen

Weihnachtsfenster

» Das Wort ward Fleisch
   und wohnte unter uns,
   und wir sahen seine
   Herrlichkeit, ... «
   (Joh. 1,14)

Pfingstfenster

» Und es geschah plötzlich ein
   Brausen vom Himmel wie von einem
   gewaltigen Wind und erfüllte das
   ganze Haus, ... «
   (Apostelgeschichte 2)

Predigtfenster

» So sind wir nun
   Botschafter
   an Christi Statt, ... «
   (2. Korinther 5,20)

Alfred Manessier, 1966
"Weihnachtsfenster"
Östliches Stirnfenster
im nördl. Seitenschiff
der U.L.Frauen-Kirche
(Foto: Roman Mensing)

Alfred Manessier, 1966
"Pfingstfenster"
Östliches Stirnfenster im Chor
der U.L.Frauen-Kirche
(Foto: Roman Mensing)

Alfred Manessier, 1966
"Predigtfenster"
Östliches Stirnfenster
im südlichen Seitenschiff
der U.L.Frauen-Kirche
(Foto: Roman Mensing)

Das Kirchenfensterwerk Alfred Manessiers in Liebfrauen geplant und ausgeführt in den Jahren 1964 bis 1979

Auszüge aus einem Aufsatz von Dr. Gottfried Sprondel, Pastor der Gemeinde von 1959 bis 1976
Vollständiger Text zum Herunterladen: Das Kirchenfensterwerk Alfred Manessiers in Liebfrauen

(...)  Die erste Begegnung mitAlfred Manessier wurde der Beginn einer langen und fruchtbaren Zusammenarbeit. In der richtigen Erkenntnis, dass eine Art Gesamtkunstwerk von ihm erwartet wurde, arbeitete er zunächst mehrere Vorschläge für die gesamte Lichtführung in der Kirche aus, die alle gestalterischen Fragen auf später verschoben. Offenbar zogen ihn der Raum in seiner schlichten Klarheit, das helle Rot der Ziegelwände, das norddeutsche Licht mit seinen rasch wechselnden Stimmungen, auch mit seiner Trübe, an. Er setzte durch, dass ein solcher Lichtplan die Grundlage aller weiteren Überlegungen bilden sollte.  ...  Nachträglich wurde allen Beteiligten klar, dass es sich schon um mehr als eine ästhetische Entscheidung gehandelt hatte, als der Auftraggeber sich auf den auch von Manessier favorisierten Lichtplan festlegte. Denn welche Seele der Kirchenraum später haben sollte, war eine Frage, die eng mit dem Gottesdienstverständnis der Gemeinde verknüpft war.

...  Zwischen den Lichtplan und die ersten Entwürfe schob sich eine Phase der theologischen Reflexion und des intensiv geführten Dialogs zwischen Künstler und Gemeinde. Zwei Gesichtspunkte schälten sich bald heraus, die bis zum Ende maßgeblich blieben. Vier Fenster beherrschen den Raum, nämlich das den östlichen Chorabschluss bildende größte Fenster der Kirche, die östlichen Stirnfenster der beiden Seitenschiffe und die Rosette im Westen.  ...  Diese vier Fenster erhalten sowohl farblich wie gestalterisch das Hauptgewicht, während die übrigen sich ihnen unterzuordnen haben.

...  Die Frage, was die vier genannten Hauptfenster in Manessiers Gestaltung bedeuten sollen, ist weder mit dem Verweis auf den ästhetischen Reiz noch mit einer Erklärung durch Bibel- und Heiligengeschichten zu beantworten. Dennoch liegen ihnen klare biblische Inhalte zu Grunde, Früchte des Prozesses gemeinsamen Nachdenkens. Die evangelische Kirche versteht sich als die Kirche des Wortes, allerdings nicht im Sinne einer unaufhörlich redenden Kirche, sondern dass die ganze Heilsgeschichte als Anrede Gottes an die Welt ausgelegt wird.

Vier Dimensionen dieser Anrede liegen der Fenstergestaltung zu Grunde:
-  das in Jesus Christus Mensch gewordene Wort Gottes -
   » Das Wort ward Fleisch « (Johannes 1,14), 
-  das inspirierte, pfingstliche Wort, das die Kirche erschafft -
    (Apostelgeschichte 2)
-  das heute gepredigte Wort, die lebendige Stimme des Evangeliums -
   » Wir sind Botschafter an Christi Statt « (2. Korinther 5,20)
-  das im Menschenherzen bewahrte und es verändernde Wort -
   » Maria behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen « (Lukas 2,19)

Das sind verhältnismäßig abstrakte Inhalte, die aber der ungegenständlichen Kunst Manessiers stark entgegenkamen. Er legt Wert darauf, dass man solche Inhalte aus seinem Werk zwar nicht heraussieht, sie aber gleichwohl kennt und dem Künstler auf dem Weg in sein antwortendes Meditieren hinein folgt. Das schließt nicht aus, dass der Betrachter das Werk als reines Spiel aus Licht und Farbe auf sich wirken lässt. Die innere Musikalität dieses Spiels erfährt er aber nur, wenn er weiß, dass für den Künstler Licht und Farbe Reflexe auf geistliches Geschehen darstellen. In dieser Hinsicht ist Manessiers Werk jenem Olivier Messiaens verwandt, für den es eine direkte Entsprechung zwischen Glaubenserlebnis und Klängen gab.

Dem großen Chorfenster liegt als meditativer Ausgangspunkt die biblische Pfingstgeschichte zu Grunde. Aus der gelbrot glühenden Höhe stürzt sich eine einheitliche, wenngleich in sich kompliziert zusammengesetzte Schwungbewegung auf horizontale Strukturen am unteren Rand, die aufgerissen werden. Die Formen zeigen heftige Verwerfungen, noch verstärkt durch die Grafik unterschiedlich starker Bleiadern. Farben und Formen werden teilweise in explosiven Einzelbewegungen mitgerissen. Trotz dieser formalen Dynamik bleibt das Licht im Ganzen eher kühl (Manessier:  » Das Licht des April, nicht das einer Feuersbrunst. «).

Das Stirnfenster des nördlichen Seitenschiffs, das so genannte Weihnachtsfenster, hat eine Verbindung zur Menschwerdung des Wortes Gottes in Christus. Die formale Struktur ist einfach: ein überwiegend in Rot gehaltenes Mittelfeld, deutlich als abwärts gerichtete Bewegung zu erkennen, trennt zwei kühle Randzonen, in denen Grau vorherrscht. Auch hier setzt sich der Gesamteindruck bei genauerer Betrachtung aus komplizierten Einzelstrukturen zusammen. Das Blau, in der Spitze als trinitarische Symbolfarbe kenntlich, findet sich überall wieder. Die rot glühende Substanz ergießt sich in eine kühle Form, diese durchdringend und verwandelnd. Ein altes, aus der Zweinaturen-Lehre stammendes visuelles Symbol gewinnt moderne künstlerische Aktualität.

Die Nähe der Kanzel bestimmt das Thema des südlichen Stirnfensters: das verkündigte Wort. Es wird beherrscht von diagonalen Strukturen. Zum linken Rand, also zur Kanzel hin, verdichten sich die Farben immer stärker zu den Christusfarben des nördlichen Gegenstücks, während der rechte Bereich die Palette des Pfingstfensters aufnimmt. Nicht Menschenwort macht sich geltend, sondern im Menschenwort jenes andere Wort, das Geist und Leben ist. Die fast schroffe Diagonalität wird grafisch unterstrichen durch rautenförmige Lineamente im Innenbereich.

Das Radfenster im Westen (in der Zone der Kirchenmusik) sollte ursprünglich an den Lobgesang der Maria, das Magnificat (Lukas 1), anknüpfen, jedoch die runde Form widerstand der Idee des Magnificats. An seine Stelle trat der Marientext der Weihnachtsgeschichte, Grundtext für den meditativ-bewahrenden Umgang mit dem Gotteswort, dessen Außenseite der Lobgesang bildet. In der Mitte  konzentrieren sich dunkel leuchtendes Blau und Rot, die Christusfarben ins Mystische wendend, während an den Rändern aufgehellte Farben (Anklänge an das Pfingstfenster) nach außen drängen. Beides, das Zentripetale und das Zentrifugale, die Konzentration auf das Innerste und die Explosion über die Kreislinie hinaus, Meditation und Magnificat fließen ineinander zur endgültigen Gestalt. Ein etwas banales neuromanisches Rundfenster hat eine Seele.

Alle übrigen Fenster ordnen sich als farbige Lichtvorhänge den vier Hauptfenstern unter. Jedoch greifen Farben und Gestaltung der Hauptfenster jeweils in die Spitzbogenfelder der benachbarten Nebenfenster über und verknüpfen so das Fensterband zu einem Ganzen. Nach der Apostelgeschichte des Lukas (Luk. 2, 2) erfüllt der Pfingstgeist das ganze Haus, in dem sie saßen. Eine Ausnahme bildet das dunkle Nachbarfenster links neben dem Weihnachtsfenster. Manessier erläuterte dazu: Die kräftigen Farben des Weihnachtsfensters benötigen diese Abdunkelung, um ihre Leuchtkraft zu verstärken. Dadurch ergibt sich ein weiteres Bibelthema: » ... und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen … « (Joh. 1, 5).

Die Entscheidung der Gemeinde für die abstrakten, farbigen Fenstermosaike war und ist ein deutliches Bekenntnis zu einer gegenwartsbezogenen Neuinterpretation des mittelalterlichen Kirchenraumes. Und doch stellt sich durch das farbige Licht eine Raumsituation ein, wie sie auch in vielen Kirchen mit original mittelalterlichen Fenstern beobachtet werden kann: die Fenster sprechen den Betrachter mit vielfältigen Aussagen im Detail an, drängen sich aber als ganzes nicht auf, sondern hüllen den Raum in eine farbige Sphäre und heben ihn aus der Alltagswelt heraus. Der Wechsel der Lichtsituation im Wandel des Tages, des Jahres und des Wetters läßt den Raum immer wieder in neuen Variationen aufleuchten.

Alfred Manessier selbst sah seine Fenster ganz als Diener der Verkündigung: "Man sollte nicht vergessen, daß die Fenster streng genommen keine Kunstwerke sind. Sie sind »Teil des Ganzen«. Sie sind »im Dienst« genau wie die Musik, die Lieder und das Wort an diesem Ort." 

Alfred Manessier, 1966
"Marienfenster" - Rundfenster im Westwerk der U.L.Frauen-Kirche
(Foto: Roman Mensing)

» Maria aber behielt alle diese Worte 
und bewegte sie in ihrem Herzen «  (Lukas 2,19)

Alfred Manssier 1970
Mittl. Seitenfenster im Nordschiff der  U.L.Frauen-Kirche

Alfred Manessier 1970
Östl. Seitenfenster im Nordschiff der U.L.Frauen-Kirche

 » ... und das Licht scheint in der Finsternis,
 und die Finsternis hat es nicht begriffen … «
 (Joh. 1, 5).